Von Karsten Witte

Die Leinwand, die sich am Flaschenhals der Piazza spannt, ist die größte der Welt. Abendlich öffnet sich unter dem Sternenhimmel ein vierzig Quadratmeter großes Schaufenster auf die Welt. Diese Öffnung ist zum Glück der Zuschauer nicht immer überwältigend, meistens aber neugierig und vielversprechend. Im Wettbewerb sind die Filme des Nachwuchses zu sehen, Überraschungserfolge und Entdeckungen der Langsamkeit, die dann schnell auf dem Markt der Metropolen zirkulieren. In Locarno macht sich der Regisseur einen Namen, der noch keinen hat. So macht das Festival sich einen Namen, das Randerscheinungen behutsam fördert und sie mit seinen Retrospektiven in den Zusammenhang des Erinnerns an Filmgeschichte stellt.

Wie wird unser Blick auf dieses immense Schaufenster gelenkt? Wie füllen sich vierzig Quadratmeter mit der Ansicht von Innen- und Außenräumen? Wie bewegen sich die Schattenkörper, deren Entfaltung man begleiten soll? Locarno zeigte, daß die Zeit der wirren Gesten, der verzweifelten Suche, die ungestüme Umarmung der Sinnversprechen abgelaufen ist. Nach dem großen Aufbruch, nach seinen Beliebigkeiten scheint nun die Phase der Ermattung einzutreten. Ob in Filmen aus Mailand, aus Warschau, Bern oder Hamburg, das Reisen hat abgenommen mit dem Appetit auf Außenräume. Das Ende der Wanderjahre geht einher mit dem Einrichten der eigenen vier Wände. Die Menschen werden wie die Mauern undurchlässiger für Außenerfahrungen. War die Wohnung früher eher Wartesaal und Schlafplatz, wird sie in den neuesten Filmen zum kostbaren Etui des Rückzugs ausgefüttert.

Der Produktionsauftrag des Fernsehens begünstigt diese Entwicklung. Was für den Bildschirm konzipiert war, explodiert dann auf der Riesenleinwand nicht, sondern verpufft. Der Schweizer Thriller „Motten im Licht“, der Zürich im Kunstlicht und seinen Stoff im trüben Schatten der Begeisterung für den alten film mir vorführte, ist ein Beispiel. Die italienischen Beiträge im Wettbewerb sind ein anderes. „Dolce assenza“ (Süße Abwesenheit) von Claudio Sestieri ist nicht zufällig ein Titel, der den Film richtet: was abwesend bleibt, ist ein Interesse für die Menschen, die sich in karg teuren Wohnungen bewegen, als seien sie fleischgewordene Gebrauchsanweisungen für die Zeitschrift Casa Bella. Die Liebe unter zwei Frauen, die hier behauptet und feigerweise nicht erzählt wird, bleibt eine Affäre des Schneiders, des Friseurs und einer sehr beschäftigten Visagistin. Der Film ist eine Innenausstatter-Orgie für den High-Tech-Stil Milaneser Art.

In Antonietta De Lillos römischem Film „Una casa in bilico“ (Ein schwankendes Haus) ist die Wohnung nur ein Schauplatz, den man noch mit drei alten Leuten möblieren muß, um sie als Höhle der liebenswürdigen Verblödung vorzuführen. Ein Spieler erbt die Wohnung und bildet mit einer russischen Freundin und einem Uhrenfetischisten eine Wohngemeinschaft. Die Geschichte folgt der Dramaturgie der Türklingel, ist also, solange es Strom gibt, eine ideale Vorabendserie. Ein Lichtblick in Tränen ist die Schauspielerin Marina Vlady, in frühen Godard-Filmen eine Sirene, hier eine nur Güte verströmende Matrone.

Der polnische Beitrag „Jezioro Bodenskie“ (Bodensee) von Janusz Zaorski erhielt von der Jury den Goldenen Leoparden zugesprochen. Der Preis fand nicht die Zustimmung des Publikums. „Bodensee“ lag wohl thematisch vor der Haustür. Zaorski erzählt die Geschichte einer Gruppe in Polen Verhafteter und von den Nazis in einer Schule Internierter. Der Film spielt in einem großen Saal. Niemand ist da zu Hause, jeder lernt aber etwas Neues: nämlich sich nicht mit der Zwangslage abzufinden. Tritt der bullige Wachtmeister in den Raum, wechselt man mit leichten Fingern von Chopin zu Beethoven. Das gefällt, das lacht aber den Nazi musikalisch aus. Dem Film gelingt, was meisterhaft nur Max Ophüls in seinen Werken vorführte, bittere Erkenntnis in heiterer Form zu verabreichen.

„Bodensee“ ist keine Spur nostalgisch und jeden Augenblick voll von ironischen Aufschwüngen inmitten der Melancholie. Scheinbar geht es um die Debatte, wie polnisch sind die Polen, aber mit jedem Argument erscheint eine neue Facette, in der sich gesicherte Ansichten wieder brechen. Der Film macht keinen Schnitt mit der Vergangenheit, sondern schnittlos einen Schwenk. Der Held von einst kehrt an den Bodensee zurück und noch während er sinnierend vor der alten Schule steht, reißt ihn die Kamera in die Geschichte hinein. Vorzügliche Schauspieler, aus Wajda-Filmen bekannt, vielschichtige Dialoge und ein zögernder Rhythmus machen „Bodensee“ zu einer frechen Polonaise der Erinnerung.