ZEIT: Die Kontroverse über die Möglichkeit eines Ausstiegs aus der Kernenergie ist zwischen Parteien und Politikern beinahe zu einem Glaubenskrieg ausgeartet. Sachliche Analysen gibt es bisher ganz wenige. Sie haben eine erarbeitet. Ist ein Ausstieg technisch überhaupt möglich?

Ziesing: Man muß dabei vor allem die Fristen unterscheiden, über die man redet. Es ist etwas anderes, ob man den Ausstieg sofort meint, binnen weniger Monate, oder ob man ihn stufenweise einleitet. Schließlich benötigen die notwendigen Ersatzinvestitionen eine gewisse Zeit.

Bei einem mittel- oder längerfristig geplanten Ausstieg sind die Spielräume so groß, daß keine Restriktionen zu erwarten sind. Beim kurzfristigen Ausstieg ist das anders, weil die Alternativen zur Kernenergie fürs erste nur in bestehenden Kraftwerken zu suchen sind.

ZEIT: Es gibt allerdings reichlich Reserven.

Ziesing: Es gibt sogar gewisse Überkapazitäten. Allerdings: Wenn man jetzt die Kernkraftwerke sofort vom Netz nähme – etwa 17 200 Megawatt – würde man die Nachfrage nach Strom zwar selbst in Spitzenzeiten decken können. Man hätte aber nicht mehr die Reserven zur Verfügung, die nach den allgemeinen elektrizitätswirtschaftlichen Kriterien erforderlich sind. Die Forderung, daß die Stromversorgung jederzeit sichergestellt sein muß, könnte dann – vor allem unter Berücksichtigung regionaler Friktionen aufgrund der unterschiedlichen Verteilung der Kernkraftwerke – nicht mehr in vollem Umfang aufrechterhalten werden.

ZEIT: Haben Sie auch die Kosten des Ausstiegs errechnet?

Ziesing: Auch hier muß man die Zeiträume des Ausstiegs unterscheiden. Bei einem Sofortausstieg werden ja Kernkraftwerke mit geringen Brennstoffkosten durch Kraftwerke mit relativ hohen Brennstoffkosten ersetzt. Kurzfristig wäre mit erheblich höheren Brennstoffkosten zu rechnen. In einer sehr groben ersten Abschätzung veranschlage ich alle diese Mehrkosten auf 2,4 bis 3,2 Pfennige pro Kilowattstunde.