Von Hans Ulrich Wehler

Der Epochenname für die Zeit zwischen dem 23jährigen Staatenkrieg bis 1815 und dem Bürgerkrieg von 1848/49 ist seit langem umstritten. Keineswegs ist es durchgehend eine Periode der „Restauration“, aber auch nicht von Anbeginn an nur die Vorgeschichte der Märzrevolution, mithin kein langer „Vormärz“. Gute Gründe sprechen dafür, die erste Phase von 1815/19 bis 1830 als Restauration zu charakterisieren. Durch die zweite französische Revolution von 1830 wird jedoch ein neues Spannungsfeld aufgebaut, das erst 1848 zur Entladung führt. Deshalb kann man seither den Vormärz ansetzen, der sich in den letzten vier, fünf Jahren vor 1848 zu einer vorrevolutionären Situation verdichtet, die allerdings auch jetzt noch der Pariser Initialzündung bedarf.

Diese Zeitspanne zwischen 1815 und 1849 ist, entsprechend dem Krebsgang, in dem sich die westdeutsche Geschichtswissenschaft vom NS-Regime über die Weimarer Republik und das Kaiserreich jeweils zu einer neuen Diskussion rückwärts bewegt, seit einigen Jahren zum Gegenstand kontroverser Analysen und Interpretationen geworden. Am bekanntesten sind wahrscheinlich die Darstellungen von Eberhard Weis (1976), Thomas Nipperdey (1983) und Heinrich Lutz (1985, vgl. Zeit v. 11. 10 1985). Diesen umfangreichen Zeugnissen deutscher Gelehrsamkeit ist kürzlich hinzugekommen die schlanke Darstellung von

Rainer Koch: Deutsche Geschichte 1815-1848. Restauration oder Vormärz? Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1985; 290 S., 39,80 DM.

Der Verfasser, Direktor des Historischen Museums und Dozent an der Universität in Frankfurt, hat sein Thema in fünf Kapitel untergliedert. Ausführlich werden Verlauf und Ergebnisse des Wiener Kongresses geschildert – zu ausführlich, denn 56 von 256 Textseiten, ein ganzes Fünftel, das ist des Guten zuviel. Da hätte sich mühelos Raum für eine knappe Einleitung finden lassen. Jetzt wird der Leser sogleich ins kalte Wasser der Wiener Intrigen geworfen, ohne zu erfahren, welche Probleme, aus welchen Gründen, der Verfasser für wichtig hält, welche er weglassen will oder für besonders erklärungsbedürftig hält. Nach dem Wiener Auftakt werden die – schon von den Zeitgenossen so genannten – „Kräfte der Bewegung und der Beharrung“ skizziert: Nationalismus, Liberalismus, Konservativismus. Das klingt ziemlich konventionell, ist aber inhaltlich konzis und erhellend ausgeführt, vor allem im Hinblick auf den Liberalismus, mit dem Koch sich besonders gut auskennt.

Wo aber bleiben der Kapitalismus und die Veränderung der sozialen Ungleichheit? Ein dreiseitiger Exkurs über Hegel kann einen Umriß der neuen Wirtschaftsgesellschaft mit ihren entstehenden Klassen nicht ersetzen. Wo bleiben vehementes Bevölkerungswachstum und forcierte innere Staatsbildung?

Unvermittelt folgt die Erörterung des Verhältnisses von „Staat und Kirche“. Die protestantische Entwicklung wird sachlich berichtet, die katholische Erneuerung nach der Zäsur von 1803 gut charakterisiert. Dann aber fehlt es an einem dezidierten, klaren Urteil über den Aufstieg des römischen Absolutismus, während in der weltlichen Politik ringsum der Liberalismus vordringt. Die scharfe Opposition gegen den Machtanspruch der päpstlichen Diktatur, den „Ultramontanismus“, der sich bis 1870 noch weiter steigern sollte, wird nicht angemessen gewürdigt.