Ob Sterbehaus, Landgrafenschloß oder Stückgutfrachter – alles wird Museum

Der Moment, in dem die Zeit stehenbleibt, wie in einer alten Ballade oder in den Stunden nach Mitternacht. Wie im Ballsaal der Titanic wo die Champagner-Kübel noch neben den Tischen stehen und über der Lehne des Stuhls vielleicht noch ein Zobelpelz liegt, ein ausgestopfter spitzer Kopf mit zwei roten Glasperlen als Augen, die immer noch auf die Rückkunft der Fürstin warten, die, unter den schmachtenden Blicken Benjamin Guggenheims, für einen Moment nur den Saal verließ.

Wir sehen ein sonderbares Bild, einen sonderbaren Moment, irreal, fremd. Nicht wie auf einem Bild oder einer Photographie, die vergangene Dinge zeigen, sondern die Zeit selbst, die vergangen ist, den 14. April des Jahres 1912. Ein leises Triumphgefühl wird spürbar, daß die Zeit überlistet ist, daß wir sie eingeschlossen sehen, wie in einer Luftblase, wir, die wir doch eingeschlossen sind in ihr.

Ja, die Zeit anzuhalten, ist eine göttliche Versuchung, eine Versuchung, der wir – ein Blick in die Zeitung läßt uns erröten – tagtäglich nachgeben. Keine Woche vergeht, in der nicht eine neue Sammlung eingerichtet oder neu eröffnet wird, vom Tannenzapfen-Museum in Niedertannigen bis zu Helmut Kohls Berliner Geschichtsweihestätte. Und doch – wie langweilig sind die meisten dieser Historien-Arsenale: öde Vitrinenställe, Gerümpelaquarien, darin die Exponate bis zum letzten Schräubchen und Scherbchen beschildert sind wie die Steingewächse im Botanischen Garten – oder aber, wie in den jüngeren Sammlungen, mittels Scheinwerfern und Dämmerlämpchen ausgeleuchtet wie eine Pink-Floyd-Lightshow. Nein, all dies holt die Vergangenheit nicht zurück, die Amphore unter der Käseglocke, der Münzschatz im intimen Infrarotlicht, die Indianermaske auf dem Sockel aus dämonisch schwarzem Samt. All dies hält die Zeit nicht an, zeigt die Spuren nur, die sie hinterläßt, die Reste am Wegrand.

Doch unverdrossen wird alles zum Museum umgebaut. Das Haus Sigmund Freuds in London und das Landgrafenschloß von Marburg, die „Cap San Diego“ im Hamburger Hafen und die Reste der Brücke von Remagen. Da kommen dann Teppichboden rein und Schautafeln und Leuchten an die Decke. Und ein Museumswärter wird eingestellt, der schläft neben den Vitrinen und schnarcht ein bißchen, und gegen die neuen Thermopen-Fenster knallen leise die Fliegen.

Ach, laßt es doch einfach so. Laßt die „Cap San Diego“ wie sie war am letzten Tag, als die letzte Ladung gelöscht war, als der Kapitän das Schiff verließ. Laßt das Landgrafenschloß leer, die hohen gotischen Säle, die niedrigen Kammern, laßt den Bleistift liegen, wo Freud ihn niederlegte an seinem letzten Tag, und die Fußmatte vor der Tür soll auch niemand verschieben. Bitte nichts berühren! Nichts ordnen, nichts umstellen, aufstellen, entstellen. Keine Schildchen, keine Strahler, kein Velours, keine Postkartenständer im Flur. Ein paar Seile nur, die des Besuchers Neugier in die Schranken weisen, sonst nichts.

Wie oft stand ich als Kind zwischen den Fundamentfragmenten des römischen Amphitheaters zu Xanten. Für fumpfzichfennich Eintritt nichts als ein paar steinerne Stumpen am Rande der Stadt, da wo die Felder beginnen, umgeben von einem Kranz hoher Pappeln, deren Grün im Wind sonderbar knisterte. Hohes, im Sommer halbvertrocknetes Gras, Insektengesumm, Stille. Im dreckigen Sand der Arena – vielleicht noch der Fußabdruck eines Bären? Einer Gladiatorensandale? Heute ist das ganze Gebiet ein „Archäologischer Park“, das Amphitheater zur Hälfte und höchst didaktisch „wiederaufgebaut“, die Stadtmauer teilweise neu errichtet, wie Umspannhäuschen stehen die „römischen“ Türme zwischen den Feldern und Bockwurst gibt’s auch. Der Eintritt wurde um ein Vielfaches erhöht, man bekommt auch mehr zu sehen, nur zu spüren ist nichts mehr: Ein Museum ist entstanden, wo vorher Vergangenheit war.