Trotz Krieg und wirtschaftlicher Not regieren die iranischen Mullahs ungefährdet

Von Marcel Pott

Teheran im Juli

Mit der Hand fährt Abbas an seine Kehle und radebrecht: „Mehran, my brother.“ Die Gestik und der traurige Ausdruck seiner Augen lassen keinen Zweifel: Abbas hat seinen Bruder auf dem Schlachtfeld verloren, irgendwo bei Mehran, im Mittelabschnitt der 1200 Kilometer langen Front. Im siebten Jahr tobt der Krieg zwischen dem Iran und Irak. Wären da nicht die Abbas und Alis mit ihren wehmütigen Gesichtern, wäre von diesem mörderischen, menschenverschlingenden Unternehmen in Teheran kaum etwas zu vernehmen – bis auf die Sirenen, die im Juli zweimal mit ihrem schrillen Waraton den Straßenlärm überdeckten.

Im siebten Kriegsjahr hat sich die Lage der Teheraner verschlechtert, es gibt Versorgungsprobleme. Butter fehlt seit Wochen, Fleisch immer mal wieder, Superbenzin ist überhaupt nicht erhältlich. Grundnahrungsmittel wie Reis und Brot sind indes noch ausreichend vorhanden, ebenso wie Obst und Gemüse.

Dies gilt für die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Wenn die Rede ist von einem Stimmungstief, von fortschreitender Kriegsmüdigkeit im Iran, so bezieht sich diese Aussage auf die Menschen in der Zehn-Millionen-Metropole Teheran. Auch hier gilt es zu unterscheiden: Keiner der auskunftswilligen Beobachter nämlich vermag zu sagen, was in den Herzen und Köpfen der Massen vorgeht, die in den Elendsquartieren der südlichen Vororte hausen. Unklar bleibt auch, was in der Landbevölkerung vorgeht. Die Dorfbewohner, Analphabeten zumeist, die tief in der Tradition des schiitischen Islam verwurzelt sind, bilden das Rückgrat für die Mullahs in der Islamischen Republik. Bisher haben sie bereitwillig den höchsten Blutzoll im „Heiligen Krieg“ gezahlt. Wie weit aber geht die von der Religion bestimmte Leidensfähigkeit jener Menschen, die ihre halbwüchsigen Söhne als „Bassidschi“‚ als Freiwillige, an der Front den „Märtyrertod“ sterben sehen? Sind diese persischen Massen eine Herde von Schafen, die sich jahrelang geduldig über die karstigen Weiden fuhren läßt? Ein Offizieller des Regimes antwortet auf diese Frage: „Zuerst müssen sie essen, und dann können sie auch beten.“

Gehorsam, aber unzufrieden