Von Dörte Schubert

„Es gibt nur drei Erziehungsmittel: Angst, Ehrgeiz und Liebe. Wir verzichten auf die beiden ersten.“

Rudolf Steiner 1910

Die ganz „normale“ Schule ist schwer auszuhalten. Stefan Rudolph, siebte Klasse hat sich seine Phantasieschule so gedacht: 1. Ausschlafstunde, 2. Aufwachstunde, 3. Diskussionsstunde, 4. Eßstunde, 5. Rock-Pop-Stunde, 6. Nachhausegehstunde. Also doch? Kennzeichnen Lustlosigkeit, Arroganz, Erschöpfung und Neurosen den modernen Schulbetrieb?

Kathedergötzen und Spinatwachteln sind vom Pult verschwunden, eine schülerfreundliche Didaktik hat Einzug gehalten und die Distanz zum Lehrer verringert. Über die Zensuren (und damit das weitere Schülerschicksal) entscheiden aber doch noch „die da vorne“. Und die Schüler rächen sich. Aggression oder Verweigerung prägen den alltäglichen Klassen-Kampf. Das bundesdeutsche Schulsystem, immer noch ein Schulaufsichtssystem, ein pädagogisches Entwicklungsland?

Es gab hoffnungsvolle Modelle: Die Lietz-Schulen auf dem Lande, die Odenwaldschule, Montessori, Paul Geheeb, Rudolf Steiner, Peter Petersen und Kurt Hahn. Sie alle kämpften gegen den „Bildungskasernismus“, der Lehren und Lernen als reine Sachbuchangelegenheit betrachtet. Jürgen Zimmers Kampfruf: „Macht die Schulen auf – laßt das Leben rein!“ – sie hatten ihn längst umgesetzt. Lernen mit Kopf und Hand? Für sie ein alter Hut. Spaß in der Schule? Ihre Schüler hatten ihn ganz gewiß. (Und mehr als es sich die CSU-Fraktion im bayerischen Landtag durch die Wiedereinführung des Schulgebets und die Einübung deutschen Liedguts für die Jugend erhofft). Auf die Suche nach den Spuren dieser Bildungsreformer, die allesamt wunderbare Lehrer gewesen sein müssen, begaben sich Autoren, die persönlich bewiesen haben, daß Schule mehr sein kann, als eine reine Paukanstalt. Fast alle von ihnen haben selbst an Schulen gearbeitet. Vielleicht befreit ihre Berufspraxis die Beiträge zum „Handbuch reformpädagogischer Schulideen und Schulwirklichkeit“, wie es im Untertitel heißt, von unnötigem pseudo-wissenschaftlichem Getue. Es braucht nicht sonderlich viel Phantasie, sich vorzustellen, daß Schule zu verbessern wäre, doch wie vermag nach der Lektüre über praxiserprobte Modelle einfacher in die kultusministeriellen Köpfe gehen. Der Band sei ihnen allerwärmstens ans Herz gelegt:

Hermann Röhrs (Hrsg.): Die Schulen der Reformpädagogik heute, Schwann Bagel, Düsseldorf 1986, 420 Seiten, 78 Mark (bis zum 31. 12. 1986)