Von Willi Jasper

In unserer Literatur nach 1968 sind die Deutschen eigentlich kein Thema mehr", schrieb der polnische Publizist Kazimierz Wòycicki (Jahrgang 1949) kürzlich in einer westdeutschen Zeitschrift. Zur Erziehung oder Selbsterziehung seiner Generation gehörte die Überwindung des Hasses auf die Deutschen, die "Hitlerowcy", wie man sie in Polen genannt hat. "Das war ein schwieriger Prozeß", erläuterte Woycicki. Heute gebe es in der jungen Generation kaum noch jemanden, der den Haß gutheiße. Eine große, vielleicht sogar die Schlüsselrolle habe dabei die Tatsache gespielt, daß die Deutschen heute einen demokratischen Staat haben. "Dank dieser Demokratie sind die Deutschen für die Menschen von der Weichsel ein Teil des Westens, ein Teil von Europa, mit dem sich die Polen so stark identifizieren."

Ein bewegender Vorgang, wenn man sich vor Augen hält, daß die nationalsozialistische Okkupation das polnische Volk an den Rand der biologischen Vernichtung brachte. Für Kazimierz Woycicki gehörte der Friedhofsbesuch am Allerseelentag zu den eindrucksvollsten Erinnerungen der Kindheit: "Der Friedhof voller Blumen; und in der anbrechenden Dämmerung flackerten Tausende von Lichtern im Wind, und die Gräber – die Gräber waren überwiegend Gräber von Getöteten und Erschossenen."

Von allen am Zweiten Weltkrieg beteiligten Ländern waren die Menschenverluste Polens, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, die höchsten: 220 von 1000 Einwohnern. Von 30 000 polnischen Industriebetrieben wurden 20 000 völlig oder teilweise zerstört. Fast alle an die polnische Geschichte erinnernden Denkmäler wurden von den Nazitruppen zerschlagen, weltberühmte Kulturgüter, wie der Veit-Stoß-Altar aus der Krakauer Marienkirche, geraubt und abgeschleppt. Symbolisches Mahnmal für den Zustand, in dem sich Polen am Ende der deutschen Schreckensherrschaft befand, war das zu achtzig Prozent zerstörte Warschau. Von den 1 300 000 Einwohnern der Hauptstadt waren am Tage der Befreiung (15. Januar 1945) kaum 1000 Versprengte übriggeblieben, denen es gelungen war, sich vor SS-Streifen in den Ruinen zu verstecken. An diese verdrängte Bilanz des Grauens erinnert das Buch von

Erich Kuby: Als Polen deutsch war 1939-1945; Max Hueber Verlag, Ismaning 1986; 344 S., 36,– DM.

Was deutsche Herrschaft und "deutsche Ordnung" in Polen bedeuteten, hat der Autor in jahrelanger Arbeit an Ort und Stelle recherchiert. Gestützt auf zahlreiche, zum Teil bisher nicht ausgewertete Dokumente beschreibt er die Ausrottungs- und Versklavungspolitik, die sich hinter sachlich-bürokratischen Vokabeln verbarg wie "Umsiedlung", "Aussiedlung", "Eindeutschung", "Wertungsgruppen", "Fremdvölkische", "Untermenschen", "Sonderbehandlung" und schließlich "Endlösung". Obwohl das Buch faktenreich und dokumentarisch ist, hat es nicht den Anspruch, den "strengen Maßstäben einer wissenschaftlichen Publikation" standzuhalten. Dem Verfasser ging es "mehr um Aufklärung als um die akribische Bestandsaufnahme historischer Sachverhalte".

Bestandsaufnahmen objektivierender Art gibt es inzwischen genügend, doch nach wie vor haben sie kaum Eingang in das öffentliche Bewußtsein der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland gefunden. Zu Recht beklagt Erich Kuby, daß in der offenen deutsch-polnischen "Rechnung" die Deutschen nicht als Schuldner der Polen, sondern die Polen als Schuldner der Deutschen betrachtet werden: "Nicht die Millionen ermordeter Polen, sondern die Millionen geflohener und vertriebener Deutscher sowie die Gebietsverluste haben sich im deutschen Gedächtnis festgekrallt."