Am Ende, im Epilog seines Tagebuchs, ist der knapp Dreißigjährige noch einmal Gutachter in eigener Sache und diagnostiziert: „Ich bin ganz einfach ein Mensch, der viel gelitten hat. Ein armer Mann mit gelähmter Seele, ein Elender, ein Unglücklicher. Ich leide, leide ... Ich möchte gern tanzen, zeichnen, Klavier spielen, Verse machen und an alle meine Liebe verschwenden. Ich werde mich bessern – wie, das weiß ich noch nicht. Ich fühle nur, daß Gott zu denen kommt, die ihn finden wollen. Darum, wenn wir einer den andern suchen, werden wir uns endlich finden“, notiert er am Schluß und unterzeichnet mit „Gott und Nijinskij, St. Moritz-Dorf, Villa Guardamunt, 27. Februar 1919“.

Mehr als zwanzig Jahre waren die 1955 deutsch erschienenen Tagebucheintragungen des legendären Tänzers und Choreographen auf dem deutschen Buchmarkt vergriffen, jetzt liegen sie wieder vor –

Waslaw Nijinskij: „Der Clown Gottes – Ein Tagebuch“, Vorwort von Serge Lifar, Nachwort von Joachim Bodamer; Schirmer/Mosel Verlag, München 1985; 192 S., DM 39,–.

Die Notizen des 1889 in Kiew geborenen, 1950 gestorbenen Nijinskij: noch immer eines der aufregendsten Selbstzeugnisse eines Künstlers dieses Jahrhunderts – trotz der in der vorliegenden Ausgabe mit keiner Silbe erwähnten Kürzungen.

„Er machte seine Eintragungen in russischer Sprache, und da er mit unheimlicher Geschwindigkeit schrieb, waren sie fast unleserlich, aber ich konnte erkennen, daß gewisse Sätze sich ständig wiederholten und die beiden Namen Diaghilew und Gott die beherrschenden waren“, berichtete Romola Nijinskij in ihrer Biographie über die Entstehung der Tagebücher, die sie selbst um ein Drittel kürzen ließ – besonders um jene anstößig genannten Stellen, in denen es um die (auch erotische) Beziehung zwischen Nijinskij’ und seinem Förderer Diaghilew ging. „Er mißfiel mir wegen seiner affektierten Sprache, aber er erschien mir als Werkzeug meines Schicksals. Ich war meiner Chance begegnet. Ich erlaubte ihm sofort, mit mir zu schlafen. Ich zitterte wie ein Blatt und zwang mich, den Haß zu verbergen, den er mir einflößte, daß ich wußte, wenn ich anders handelte, würden meine Mutter und ich Hungers sterben“, erinnert Nijinskij im Tagebuch seine erste Begegnung mit Sergej Diaghilew, mit dessen „Ballets Russes“ er 1909 nach Paris kam und Triumphe feierte – bis es 1913 durch seine Heirat mit der Ungarin Romola de Pulszky zum Bruch kommt.

„Man liebt mich nicht, und ich weiß, daß man sich täuscht, wenn man mich für krank hält. Meine Intelligenz ist in Ordnung“, betont der als schizophren geltende Nijinskij in seinem 1918/19 entstandenen Tagebuch und erklärt, wieder und wieder, daß er sterbe, wenn er nicht geliebt werde. „Liebe mich doch, liebe mich!“, fordert er seine Frau auf und glaubt: „Wenn ich rede, versteht sie mich nicht.“

Unverstanden fühlt er sich jedoch nicht nur von ihr. „Ich habe Angst vor den Leuten; man versteht mich nicht, noch glaubt man mir. Sie möchten, daß ich nach ihrer Art lebe und mich heiteren Tänzen hingebe“, vermutet er und will schließlich als Clown auftreten, um sich besser verständlich zu machen. „Ich liebe die Possen, da ich ein Clown Gottes bin.“ An anderer Stelle sieht er sich als „ein Mensch in Gott, der, weil er Furcht hat, unverstanden zu bleiben, sich nicht traut, vollkommen zu sein.“