Hier war einer sehr allein. Deshalb suchte er, oft fieberhaft, die Nähe, die Wärme des Nächsten, der Nächsten. Hier war einer so eingesponnen in Theorien von Kunst, Theater, Politik und Spiel, daß er gar nicht anders konnte, als sich vom Schreibtisch zum Regiepult zu bewegen. Hier war einer so bedrängt von Visionen des Untergangs, daß – außer beredtem Schweigen – nur noch ein manchmal gewalttätig wirkendes Umsichschlagen als Regisseur – als Bilder-Träumer, Bilder-Zertrümmerer übrig blieb. Und war ein zarter, leiser Mensch: Ernst Wendt, geboren am 12. Juli 1937 in Hannover, gestorben am 12. August 1986 in München.

Auf dem Totenschein steht: Herzversagen. Wann haben wir das Wort zuletzt gelesen? Vor wenigen Wochen erst, als Boy Gobert in Wien gestorben ist. Der Bruder Lustig unter den Intendanten, der mit den Jahren ein immer ernsthafterer, nachdenklicherer Schauspieler – und Theaterdirektor – geworden ist, sollte im Herbst die Leitung des Theaters in der Josefstadt übernehmen. Als Chefdramaturgen und Hausregisseur hatte sich Gobert den absoluten Gegensatz ins Haus engagiert: Wendt, den Ernst. Die brisanteste Mischung von Theaterverstand, Spieltrieb, Leidenschaft für Kunst der neuen Spielzeit – der Tod hat sie gesprengt, ehe die Gobert/Wendt-Verbindung ihre Kraft für das deutsche Theater (nicht nur in Wien, als Gegenspieler zu Claus Peymanns Burgtheater) hätte freisetzen können.

Was wird sehen, wer die Kraft hat, am 6. September Wendts letzte (offenbar bis zur Premierenfertigkeit geprobte) Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" in der Wiener Josefstadt anzuschauen? Regie aus dem Nachlaß? Das Vermächtnis eines umstrittenen, weil zu keinem Kompromiß im Denken und Inszenieren bereiten Praktikers, der den Theoretiker in sich nie zur Ruhe gesetzt hat? Oder ein russisches Requiem auf beide, den Direktor Gobert und den von ihm gewünschten Mit-Denker Wendt? Hören wird er dies: "Das Leben wird bleiben, wie es ist, und in zweihundert Jahren werden die Menschen noch genauso seufzen: ‚Ach, wie schwer ist das Leben!‘"

Schwer geworden ist ihm das Leben zuletzt. Der Tod einer der Schauspielerinnen, mit denen es Wendt gelang, seine Visionen, die Zuschauer oft enervierend, auf die Bühne zu träumen – der Tod der jungen Lisi Mangold (Kleists Käthchen, Strindbergs Fräulein Julie, Lessings Minna von Barnhelm) hat ihn bös getroffen. Den Tod des Mannes, den er in vielem als Widerpart empfinden mußte, dessen schauspielerische Virtuosität, dessen Genauigkeit und Treue als Prinzipal er verehrte, hat er nicht verkraftet: Mit Gobert, der ihm eine neue Arbeits-, also für diesen Berserker des Theaters auch Lebens-Perspektive eröffnet hatte, starb auch etwas von eigener Lebenskraft.

Einen Bart hat Wendt sich schon seit langem sprießen lassen: Wer in die traurigen Augen des Kindergesichts dahinter schaute, ahnte etwas vom Stachel-Zaun, den einer da gegen die Zumutungen der Welt, des auf Tod versessenen Lebens errichtete. Die selbstzerstörerischen Neigungen dieses ins Leben verliebten Menschen, die sich allmählich wie ein Panzer um ihn legten, wollen – gerade bei seinem Tod – respektiert sein. Wer diesen Visionär des Schweigens, der mit Schauspielern, also fehlbaren Menschen, seine Träume aus dem Kopf auf die Bühne werfen mußte, kritisiert hat, bleibt zurück mit dem quälenden Gefühl, diesem ins Schauen, ins Schweigen vernarrten Menschen – mit Worten – oft Unrecht getan zu haben.

So bleibt die Erinnerung an viele Inszenierungen in wenigen Jahren, von Beckett bis zu Hebbel, von Heiner Müller bis zu einer der träumerisch leichtesten, aber auch gefährlich gespenstischen, Kleists "Zerbrochnem Krug". Und es bleibt die Gegenwart seiner Stimme, kräftig in allem, was dieser Theoretiker, der Praktiker werden wollte, werden mußte, geschrieben hat – der Volkswirtschaft und Soziologie studiert hat, Kritiker bei Theater heute und Film war und seit 1967 als Chefdramaturg (München, Hamburg, Berlin), seit 1973 auch als Regisseur das deutsche Theater verändert hat.

Den Untertitel seines letzten Buches, "Meine Lehrstücke und Endspiele", konnte man beim Erscheinen noch lesen als Hinweis auf die beiden Dramatiker, die das Jahrhundert am stärksten geprägt haben, den Brecht der Parabeln, den Beckett der Todestänze. Jetzt liest man den Titel anders: Ernst Wendt, ein vom Geist der Dialektik getriebener Aufklärer, der nur Endspiele inszenieren konnte, schließlich nur noch wollte – zuletzt sein eigenes. Rolf Michaelis