Achtung Satire: im linken Mundwinkel von Kalckreuths klemmt eine Zigarette. Sobald die Kamera läuft, es ist kurz vor neunzehn Uhr, Programmansage im ZDF, beißt Frau von Kalckreuth auf den Filter. Nach einem heftigen Anfall heiseren Raucherhustens findet Elfie von Kalckreuth ihre Stimme wieder. In der 37. Sekunde sagt sie mit einem aufgerauhten Baß, um den sie von Helen Vita beneidet wird: „Ihr Programm an diesem Mittwoch.“ Es ist Donnerstag. Elfie von Kalckreuth, deren Frisur wild zerrupft aussieht, hat einen hangover. Was sie mit schwerer Zunge aus dem rechten Mundwinkel preßt, ist das Programm von gestern.

Schon laufen im ZDF die Telephone heiß. Prominentester Anrufer ist der Bundeskanzler. Er hatte sich fest vorgenommen, einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, daß durch solche Auftritte das Handtuch der Gemeinsamkeit unter Demokraten zerrissen werde. Der Intendant des Senders, Herr Stolte, ist schon dabei, einen passenden dunklen Anzug auszuwählen, um im Anschluß an heute eine Sondersendung des ZDF-Magazins anzukündigen, weil Löwenthal bereits eindeutige Hinweise besitze, daß Frau von Kalckreuth ein Opfer bestimmter, von Moskau finanzierter autonomer Gruppen geworden sei – die als Veranstalter jener Party, von der sie in beeinträchtigter Verfassung direkt ins Studio kam, nahezu überführt seien. Man sei sich auch deshalb so sicher, weil Elfie von Kalckreuth, während schon die heute-Sendung lief, geäußert habe: „Fernsehen ist, wenn alles funktioniert und keiner weiß, warum.“ Dies aber gehöre nicht zum Gedankengut Elfie von Kalckreuths, sondern sei ein deutlicher Hinweis auf eine Gehirnwäsche durch jene kommunistischen Gruppen.

In einem Brief an den Kanzler erklärt Stolte, sein Haus treffe keine Schuld. Frau von Kalckreuth sei, wie ihre Kolleginnen, ordnungsgemäß nach Christa Titzes und Klaus Rischars Handbuch „Psychologie für die Sekretärin“ ausgebildet worden. Dort könne man auf Seite 89 unter der Kapitelüberschrift „Der gefährliche Alkohol“ folgendes lesen: „Sind alle beschwipst, dann kann es auch die Sekretärin sein, aber sie darf auf keinen Fall einen alkoholisierteren Zustand erreicht haben. Sie muß ihr Verhalten voll steuern können. Am vernünftigsten ist es, wenn die Sekretärin sich verabschiedet, wenn sie erkennt, daß die Veranstaltung zum ,Herrenabend’ ... wird.“

Als der Kanzler bei Stolte zurückruft, um zu sagen, er sei ja, wenn man so wolle, kein Unmensch, droht Strauß in München dem Bayerischen Fernsehen mit einem Parteiausschlußverfahren, falls der, wie er sagt, Kalckreuth-Skandal, bei ihm in Bayern Schule machen sollte. Soviel zur Zigarette im Mundwinkel Elfie von Kalckreuths.

Wahrscheinlich ist sie Nichtraucherin. Pünktlich und zuverlässig zerlächelt sie ihr Gesicht für das Zweite Deutsche Fernsehen. Auch wenn die Pointen, kurz vor neunzehn Uhr, noch so mühsam sind, sie lächelt sich kaputt. Letzte Woche baumelten Ohrringe, groß und rund wie Hulahup-Reifen an Elfie von Kalckreuths Ohren. Aber nicht gleichmäßig schwangen sie hin und her, bilde ich mir ein, sondern phasenverschoben. So entstand ein geradezu wilder Anblick. Ja, wenn nun schon Elfie von Kalckreuths Ohrringe tun, was sie wollen! Taumelt das öffentlich-rechtliche System in einen Kalckreuth-Skandal?

Helmut Schödel