Wie er hier so lässig auf dem Stuhl hängt, im neuen, schwarzen Ledermantel, Zigarre in der Hand, entspricht er ganz dem Bürgerschreck, als der sich der Sohn eines Fabrikdirektors so gern stilisierte. Blickt man ihm dann in die Augen im schmalen Schädel, schaut auf die zarten Hände, dann meint man ein verletzbares Kind zu sehen, das die künstlerische Drapierung, die aufsässige Geste schon zur Selbsterhaltung braucht. Beides stimmt wohl – und ein Drittes auch: Hier arbeiten ein Photograph und sein Modell, in ironischer Eleganz, spielend miteinander. Der schon berühmte Skandal-Dramatiker der zwanziger Jahre, der neunundzwanzigjährige Bertolt Brecht, kam (wahrscheinlich im Herbst 1927) zu Besuch in die Heimatstadt Augsburg und besuchte den fast doppelt so alten Freund, den Königlich Bayerischen Hof-Photographen Konrad Reßler. Von den bei dieser Sitzung entstandenen dreißig Aufnahmen hat der Lichtbildner damals nur eine veröffentlicht. So kann das Münchner Photomuseum nun mit einer wahren Sensation überraschen: 30 bisher unbekannte Bilder Brechts sind (bis Ende Oktober) in einer kleinen Ausstellung zu besichtigen. (Aufnahme: Photomuseum im Münchner Stadtmuseum am St. Jakobsplatz.) R. M.