Von Dietrich Strothmann

Taba ist eine Kostprobe auf die Zukunft. Wenn schon um diesen gerade knapp einen Quadratkilometer großen, unbewohnten Wüstenstreifen an der Sinaiküste des Golfs von Eilat Ägypter und Israelis beinahe dreieinhalb Jahre lang verhandelt haben, wie viele Jahre, Jahrzehnte muß dann erst mit den Jordaniern über das große Gebiet Westjordaniens und Gazas, mit den Syrern über die Golanhöhen gefeilscht werden, wo seit 1967 inzwischen immerhin fast 60 000 israelische Siedler in nahezu 200 Wehrdörfern und Pionierstädten leben? Der Nahost-Frieden, das lehrt auch die Geschichte des Ministreitfalls Taba, ist keine Sache, die gleichsam im Handumdrehen zu haben wäre. Er wäre, könnte einmal ein Anfang mit ihm gemacht werden, eine Sache des nächsten Jahrhunderts.

Der israelische Rückzug aus dem Sinai, gewiß, vollzog sich vergleichsweise schnell und zügig – in drei Jahren nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags mit Ägypten. Der Sinai war aber auch nicht "heiliges jüdisches Land", Moses von Gott versprochen. Westjordanien auf jeden Fall, möglicherweise sogar Gaza und Golan dagegen zählen für mindestens die Hälfte der Israelis samt ihren rechten Parteien zu dieser "unveräußerlichen" Kategorie. Und was damals, im April 1982, in der neugegründeten israelischen Sinai-Stadt Yamit geschah – die gewaltsame, nur mit Militäreinsatz vollzogene Räumung gegen den Widerstand hartgesottener Siedler –, werden sich die Israelis andernorts nicht noch einmal gefallen lassen. Notfalls, so kündigten ihre Sprecher in den besetzten besiedelten Gebieten nach dem demütigenden Desaster von Yamit an, werden sie dann auf ihre eigenen Soldaten schießen.

Taba war im Vergleich dazu ein winziger Zankapfel zwischen den Ägyptern und Israelis, wenngleich einer, an dem sich manche Politiker in Kairo und Jerusalem beinahe die Zähne ausgebissen hätten. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen.

Weil ein reicher Unternehmer auf diesem vorher nutzlosen Stückchen Wüstenboden, sieben Kilometer südlich der israelischen Hafen- und Badestadt Eilat, mit Billigung der Regierung in Jerusalem für 80 Millionen Mark ein Luxushotel bauen wollte, mußte der kleine Streifen aus der Rückzugsregelung des 61 000 Quadratkilometer großen Sinai ausgeklammert werden. Auf amerikanische Empfehlung hin verstanden sich Staatschef Sadat und Ministerpräsident Begin damals zu dieser Ausnahme. Eine besondere israelisch-ägyptische Verhandlungskommission sollte den Streit möglichst schnell und unauffällig aus der Welt schaffen. Doch daraus wurde nichts.

Statt dessen schritten die Israelis bereits im November 1982 zur Tat: Die Fünf-Sterne-Herberge "Aviya Sonesta Beach Hotel Eilat" wurde nach nur zweimonatiger Bauzeit eröffnet, elf Stockwerke hoch, mit 350 Zimmern, nur einen Steinwurf vom ägyptischen Grenzposten entfernt. "Wo wir siedeln, bleiben wir", war schon nach dem Junikrieg von 1967 die offizielle Parole Jerusalems gewesen. Daß Landbesitz ein anderes Wort für Politik ist, demonstrierten die bauwütigen Israelis mit Begins Wohlwollen auch in Taba, das zuvor niemand kannte, nicht einmal dem alten Namen nach.

Was folgte, lief wie nach einem altvertrauten Drehbuch ab. Kaum hatte Sadats Nachfolger Hosni Mubarak auch diesen winzigen, unbedeutenden Wüstenstreifen zur "heiligen Erde" Ägyptens erklärt, für das er bis zum Letzten kämpfen werde, zweifelten die Israelis generell Kairos Rechtsanspruch auf Taba an. Kaum waren die Israelis im Libanon eingerückt und der Beteiligung an den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla beschuldigt worden, zog Mubarak seinen Botschafter aus Tel Aviv ab, woraufhin die Israelis erklärten, Taba sei nicht schuld am nun ausgebrochenen "kalten Frieden" zwischen beiden Ländern.