Auch ohne Amerikas Drängen: Bonn sollte die Wirtschaft ankurbeln

Von Peter Christ

Die Harmonie ist dahin. Die führenden Industrienationen der westlichen Welt sind über Kreuz. Die Amerikaner werfen den Europäern, vor allem den Deutschen und den Japanern vor, die Vereinigten Staaten mit Exporten zu überschwemmen und selbst zu wenig für das Wachstum ihrer eigenen Wirtschaft zu tun. Seit Wochen drängt der amerikanische Notenbankchef Paul Volcker seinen deutschen Kollegen Karl Otto Pöhl, die Zinsen zu senken. Finanzminister James Baker in Washington: „Ich finde es wünschenswert, daß unsere Partner ihr Wachstum etwas ankurbeln.“

Doch Bundesbank und Bundesregierung stellen sich taub. Für billigeres Geld und „für ein finanzpolitisches Draufsatteln zusätzlicher Nachfrage“ gebe es keine binnenwirtschaftliche Rechtfertigung, sagt Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg.

Auf dem Spiel steht bei diesem Konflikt nicht weniger als der mühsam in Gang gekommene wirtschaftliche Aufschwung in den Industriestaaten, von dem auch die Entwicklungsländer profitieren. Wenn die Bundesrepublik, aber auch die anderen EG-Staaten und Japan den Amerikanern nicht helfen, ihr Handelsbilanzdefizit (in diesem Jahr etwa 170 Milliarden Dollar) zu reduzieren, werden die Protektionisten in den USA die Oberhand gewinnen. „Ich fürchte, daß der freie Handel in der Welt zusammenbrechen könnte“, meint James Baker.

Übertriebene Hoffnungen?

Die Bundesrepublik verfügt über einen komfortablen Überschuß in der Leistungsbilanz. Ihre Inflationsrate liegt bei Null. Der Staatshaushalt weist zumindest kein strukturelles Defizit mehr auf. Andererseits aber haben wir mehr als zwei Millionen Arbeitslose. Wir muten unserer Wirtschaft die höchsten Realzinsen seit Jahrzehnten zu. Die Binnennachfrage wird hierzulande 1986 gerade das Niveau von 1980 wieder erreichen. Welches Land sollte eigentlich die Zinsen senken und für Wachstumsimpulse sorgen, wenn nicht die Bundesrepublik? Daß die Amerikaner an eine solche Trendwende in der deutschen Wirtschaftspolitik vielleicht übertriebene Hoffnungen knüpfen, steht auf einem anderen Blatt.