Von Gerhard Spörl

Erstaunen war die Reaktion, als die DDR vor sechs Jahren das Reiterstandbild Friedrichs des Großen wieder Unter den Linden aufstellte. Kehrtwende der marxistischen Historiker? Kaum jemandem fiel auf, daß eine ähnliche Rehabilitierung des Alten Fritz ja auch in der Bundesrepublik stattgefunden hatte. Die distanziert-abwertende Benennung „Friedrich II.“ war längst wieder der ungenierten Titulierung „Friedrich der Große“ gewichen – Symbole der Unbefangenheit im Umgang beider deutscher Staaten mit der Geschichte.

Historische Feiern haben diesseits wie jenseits von Mauer und Stacheldraht oft etwas Peinliches, immer etwas Angestrengtes. Beim 200. Todestag des Preußenkönigs war dies anders. Im Streben, sich der Person und dem Werk Friedrichs II. differenziert zu nähern, standen die beiden deutschen Staaten einander kaum nach. Die DDR ruft dabei noch immer Verwunderung im Publikum hervor, obwohl ihr wohltuender Revisionismus in puncto Vergangenheit und Erbe fast schon zur Gewohnheit geworden ist. Der große Friedrich, Inkarnation alles Preußischen, steht jetzt als „intelligenter Herrschertyp“ des 18. Jahrhunderts da – so befand Neues Deutschland ebenso salopp wie autoritativ.

Auf weit höherem Niveau, doch in der Bewertung nicht grundsätzlich verschieden, näherte sich der Bundespräsident dem „Rätsel“ Friedrich. Schwer zu sagen, womit seine Berliner Rede tiefere Wirkung erzielte: mit der Belehrung über die Größe und die Abgründigkeit des Herrschers oder mit dem Bekenntnis zu einem richtig verstandenen Preußentum. Die Bundesrepublik als „unsentimentales, charakterstarkes, reformbereites Gemeinwesen“ – so hätten wir es jedenfalls alle gern.

Derlei Konvergenzen in der deutsch-deutschen Geschichtsbetrachtung sind zu selten, als daß sie gering geachtet werden, dürfte. Eine Regel läßt sich dafür nicht aufstellen, nicht einmal nach dem fast gleichzeitig mit Friedrichs Todestag in Ost wie West begangenen 25. Jahrestag des Berliner Mauerbaus. Ein Bewertungsmuster liegt nahe: Je toter das Vergangene, desto einiger die Heutigen hüben und drüben. Aber ganz so einfach ist es wohl nicht.

Die einenden Erfahrungen und Gefühlserlebnisse, die an deutschen Jubiläen und Gedenktagen spürbar werden, lassen sich nicht mit leichter Hand abtun. Auch diesmal war zu lesen und zu hören, daß der geschichtliche Zusammenhang der Nation in der geteilten Gegenwart Wirkung erzielt. So unscharf der Begriff bleibt, so wenig ist zu leugnen, daß es eine deutsche Geschichtsnation gibt. Die zwei deutschen Staaten müssen dazu manchmal erst die passende Einstellung gewinnen: bald in Konvergenz, bald in Konkurrenz.

Konkurrenz stellt sich ein, weil jeder der beiden eigene Zwecke und Absichten verfolgt. Die DDR-Oberen spannen ihre Historiker ein, um ihrem Staat Wurzeln und Legitimität zu verschaffen. Die Rehabilitierung Preußens folgt dieser Logik. Ist die DDR, so schwingt da absichtsvoll mit, nicht dem frühen Preußen ähnlich: ein Staat, von Geographie und Geschichte benachteiligt, der nun um Bestand und Dauer ringt? Die DDR-Führung bringt freilich – die Feiern zur 25. Wiederkehr des Mauerbaus haben es gezeigt – die Dinge wieder ins Lot. Es geht um die Selbstbehauptung des Systems und sonst nichts. Konvergenzen bei der Betrachtung der Vergangenheit bieten keinerlei Anlaß zu deutsch-deutschen Zukunftsträumereien.