Allgäuer Ökobauern bleiben ohne Entschädigung für unverkauftes Fleisch

Von Hans-Ulrich Grimm

Das gelbe Emblem prangt am Stall, mannshoch und unübersehbar: „Atomkraft – Nein danke!“ Daneben, in roter Schrift auf weißem Grund, der Zusatz: „In Ost und West.“ Gegen Atomkraft waren die Bewohner des Hofes schon immer, die Parole am Stall haben sie aus aktuellem Anlaß an die Wand gemalt, Ende Mai, nach Tschernobyl.

Die Katastrophe war für sie eine Bestätigung ihrer Vorbehalte gegen die Kernenergie. Sie war überdies eine schmerzliche Erfahrung. Denn die Schäfereigenossenschaft Finkhof in der 700-Seelen-Gemeinde Arnach im württembergischen Allgäu gehört zu den geschädigten Landwirten, denen nun allerlei Hilfe angedeihen soll – im Prinzip. Doch können die Schäfer mit Geld aus der Staatskasse nicht rechnen. Sie haben sich, so sehen es jedenfalls die Behörden, den Schaden selbst zuzuschreiben.

Die Öko-Schäfer hatten beschlossen, keine Schafe mehr zu verkaufen, nachdem im Mai zwei Tiere verendet waren. Zwar erwies sich die „Horrorvision“ als Trugschluß, die Lämmer seien den Strahlentod gestorben – es handelt sich nur um saisonal übliches Lämmerleiden: Nierenentzündung. Die strahlenden Partikel aber hatten dennoch ihre Spuren hinterlassen. Das tote Schaf wurde diesmal von Amts wegen nicht nur auf die Todesursache, sondern auch auf seine Radioaktivität hin untersucht. Das Ergebnis der Analyse in der Ulmer Universität: 1600 Becquerel Caesium; das Jod war zu diesem Zeitpunkt schon „im Abklingen“, so hieß es.

Belastete Wiesen

„Da waren wir schwer von den Socken“, formuliert Michael Schmidt, 32 und Buchhalter des Kollektivs, die Bestürzung der Genossen. Die Schafe, tausend insgesamt, hatten auf Wiesen gegrast, die zu den am höchsten belasteten in Baden-Württemberg gehörten. Zwischen 64 000 und 66 000 Becquerel wurden Anfang Mai im Kreis Ravensburg gemessen – just dort hatte die Finkhof-Herde geweidet. Die schlachtreifen Tiere – etwa fünfzig, die übrigen sind Muttertiere oder waren noch zu jung zum Schlachten – wollten die Hirten nun nicht mehr verkaufen.