Fünf Seeleute kamen ums Leben, als irakische Tiefflieger den iranischen Supertanker "Asarpad" in Brand setzten. Das wäre nur eine von vielen blutigen Episoden in einem nun schon sechs Jahre dauernden Krieg gewesen, wenn sich der Angriff im üblichen Gebiet des Seekrieges zwischen Iranern und Irakern zugetragen hätte. Die "Asarpad" lag aber vor dem Ölhafen auf der iranischen Insel Sirri, 600 Kilometer vom nächsten irakischen Militärflugplatz entfernt. Eine solche Reichweite hatte bislang keiner der Luftwaffe Bagdads zugetraut, auch nicht die iranischen Politiker und Militärs, die den Hafen von Sirri 1985 zum wichtigsten Ölterminal des Landes ausbauen ließen, nachdem irakische Flugzeuge den weiter westlich gelegenen Ölhafen Kharg immer wieder bombardiert hatten.

Offenbar vergebens: Selbst wenn die jetzt schwer beschädigten Hafenanlagen in Sirri schnell repariert würden, bliebe die ständige Drohung erneuter irakischer Bombardements auf Sirri und auf fast alle anderen strategisch und kriegswirtschaftlich wichtigen Ziele im Iran. Für Teheran kam der Rückschlag überraschend – auch kritische Analytiker des Kriegsgeschehens hatten ihnen in letzter Zeit versichert, daß sich langsam, aber sicher eine irakische Niederlage abzeichne.

Im Februar dieses Jahres hatten iranische Soldaten die Halbinsel Fao im äußersten Südosten des Irak erobert. Die irakische Armee scheiterte beim Versuch, das verlorene Gebiet zurückzuerobern: ein Prestigeverlust, aber auch ein Zeichen dafür, daß die zahlenmäßige Überlegenheit und die höhere Kampfmoral der Soldaten Chomeinis im Landkrieg mehr zählt als die Luftüberlegenheit der Iraker. Am Mittelabschnitt der Front eroberten die Iraner im Juli die kleine Stadt Mehran zurück. Damit war die irakische Armee gänzlich aus dem iranischen Staatsgebiet verdrängt.

Die Herrscher in Teheran hatten sich von ihrer nächsten Offensive einen entscheidenden Sieg gegen den angeschlagenen Irak versprochen. Entsprechend zornig reagierten sie auf den Coup der irakischen Luftwaffe. Parlamentspräsident Rafsandschani verkündete, sein Land werde sich an denen rächen, die den Irak erst in die Lage versetzten, Sirri zu bombardieren. Sind die Mullahs der Meinung, daß die irakischen Flugzeuge auf ihrem langen Flug nicht etwa in der Luft, sondern auf einem saudiarabischen Flugplatz aufgetankt wurden? Oder richtet sich ihre Wut gegen die Waffenlieferanten Bagdads – Frankreich, Ägypten, möglicherweise die Sowjetunion?

Nach dem Tod von 350 000 Menschen steht es weiter unentschieden im Golfkrieg.

Hans Jakob Ginsburg