Auf den ersten Blick ein hoffnungsvolles Bild, diese Mittagstafel bei Silvanus Schuller, dem Bürgermeister im schlesischen Bolkenhain: Der Krieg ist zu Ende, das Haus blieb verschont, die Kunstschätze verraten den alten und neuen Wohlstand. Zum kleinen Essen versammeln sich ehemalige Feinde als Freunde – der katholische Fürstabt und der protestantische Graf mit seiner Frau nebst einem lutherischen Pastor, ein jüdischer Kaufmann und ein freigeistiger Künstler. Zum Hausstand gehören ferner neben der aus Holland stammenden Frau Bürgermeisterin eine italienische Hausdame, eine junge Mulattin sowie ein durch Schockwirkung kaum einer Sprache mächtiges Findelkind als Magd. Sie alle werden versorgt von einem jansenistischen Diener und einem hugenottischen Gärtner: konfessionelle wie rassische, nationale wie ständische Gegensätze scheinen aufgehoben, und eigentlich besteht kein Grund, eine allzu baldige Veränderung befürchten zu müssen. Die Bürger des Jahres 1662 dachten und handelten offenbar kaum anders als die des Jahres 1986.

Doch auch so viele (oder so wenige) Jahre nach dem Ende des schrecklichen Krieges ist die über die Wunden gewachsene Haut noch äußerst dünn, sie kann jederzeit reißen – zumal von verschiedenen Seiten bewußt wie unbewußt an ihr gezerrt wird. Das Prestigedenken ist doch immer noch effektiver als alle Friedensabsichten, der Erfolg bei der Jagd nach Immobilien wie nach Weiberröcken wichtiger als der Konsenskompromiß. Das Tischtuch bei der „ökumenischen“ Mittagstafel mag die religiösen Vorurteile und Animositäten überdecken – aus der Welt sind die deswegen noch längst nicht, und die kleinste undiplomatischste Bemerkung kehrt die alten Gegensätze sofort wieder hervor. Auch darin unterscheiden sich Beziehungen und Verhältnisse des Jahres 1986 – Vatikan/Ökumenischer Rat der Kirchen, USA-Reagan/UdSSR-Gorbatschow oder BRD/DDR – in ihren rationalen Ansätzen wie emotionalen Empfindlichkeiten nur bedingt von denen des Jahres 1662.

Aber weniger dieser letztlich skeptische Blick auf das Universelle, das die Welt im Innersten zusammenhält oder eher selbstzerstörerisch auseinandertreibt, bestimmt das Handlungsgeschehen in Gerhart Hauptmanns so gut wie nie gespieltem Einakter „Die schwarze Maske“, sondern vielmehr die pessimistische Vision von der unausweichlichen Kraft und Wirkung der Schuld, der bewußten wie, schlimmer noch, unbewußten. „Jede Familie trägt einen heimlichen Fluch oder Segen.“

Benigna, Tochter eines Kapitäns, ist als Fünfzehnjährige in Amsterdam dem entlaufenen Negersklaven Johnson verfallen, der die Achtzehnjährige in die Ehe mit dem siebzigjährigen Edelmann van Geldern trieb, um so selber bald dessen Erbe in die Hand zu bekommen und damit sein eigenes Schicksal zu rächen: Van Gelderns Reichtum stammt aus dem Sklavenhandel. Wer ist woran schuld? Zwar konnte die neue, eine wirkliche Liebe die junge Frau verändern, ihr helfen, sich aus der Gewalt Johnsons zu befreien. Aber dessen Skrupellosigkeit ist stärker: mit Hilfe des Dieners Jedidja Potter hat er van Geldern ermordet und verfolgt nun die nach Schlesien geflohene, dort mit dem Bürgermeister Schuller wiederverheiratete Benigna mit erpresserischen Briefen. Schuld ist nie einfach, hat zu tun mit Verstrickung – ein kompliziertes Geflecht von Subjektivem und Objektivem.

Mehrere Schuldströme also: hier die Unmenschlichkeit des Sklavenhandels, dort die Unehrlichkeit, die die Vergangenheit verschweigt. Eine Vergangenheit, die noch Gegenwart ist und sie bestimmt: Johnson ist der Vater von Benignas Tochter Arabella, der Mulattin; die alte Hörigkeit war nur vermeintlich überwunden, flackert im entscheidenden Moment in unverminderter Heftigkeit wieder auf; Benigna verweigert sich ihrem neuen Ehemann, der sie abgöttisch liebt, und gibt ihm ihre Magd ins Bett. Potter überspielt seine Gewissensnöte, indem er mit jansenistischer Scheinfrömmigkeit ständig Bußchoräle singt; der befreundete Amsterdamer Kaufmann Löwel Perl schließlich dient auch jetzt noch als Hehler, indem er Johnsons Briefe überbringt und die Summen transferiert.

So kommt, was kommen muß, und in einer immer schneller rotierenden Tragödie vollzieht sich der Fluch über dieser Familie. Zunächst die Vorboten: auf der Straße und im Hausflur liegen die toten Ratten, Zeichen der wiederauftretenden Pest; im Gefolge eines karnevalistischen Treibens drängt sich eine Totenkopf-Maske unter die Mittagsgäste; ein „schöner herkulischer Halbneger mit edlem, mehr europäischem Kopf“ betritt das Zimmer und prägt seinen rußigen Handabdruck aufs weiße Tischtuch. Schließlich die Katastrophe: Johnson, jetzt darf man ihn erkennen, schlägt – „Du hast mir den Weg gezeigt in van Gelderns Schlafzimmer“ – Potter auf die Schulter, der bricht leblos zusammen; wenig später berichtet der Fürstabt: „Oben hat sich ein Leben vollendet“, aber die Wahrheit über Benignas Tod versteckt sich hinter Vermutungen: „Vielleicht ist sie an der Pest gestorben.“

Ein einziger Totentanz, dieses Stück von Gerhart Hauptmann – der Zusammenbruch einzelner Kreaturen, aber auch der Verfall einer ganzen feinen und geschlossenen Gesellschaft. Und so ist gut vorstellbar, daß und wie es den polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki tangierte auf der Suche nach einem Opernlibretto – ihn, der mit seiner „Lukas-Passion“ und der „Grablegung/Auferstehung“, im „Stabat Mater“ und dem „Magnificat“, dem „Te Deum“ und dem „Requiem“ stets mehr realisierte als nur eine Vertonung geistlicher oder gar nur liturgischer Texte, sondern der seine Musik immer zu großen, über das Momentane hinwegführenden existentiellen Fragen ausformulierte, zu humanen bei Hiroshima und Auschwitz oder der polnischen Solidarność, zu innerkatholischen bei Tschenstochau oder der Wahl Karol Woitylas zum Papst; der andererseits in seinen beiden früheren Opern „Die Teufel von Loudon“ und „Paradise Lost“ Bekenntniswerke lieferte – in seiner Freizügigkeit und Offenheit riskant, aber in seinem Appell gegen Inquisition und Intoleranz unüberhörbar das eine, in seiner mystischen Vertiefung und bildhaften Übertragung metaphysischer Bereiche nicht unumstritten, aber in seiner Inständigkeit und Nachdrücklichkeit in eine aktuelle ökopolitische Dimension gerückt das andere,