Weiter so, Deutschland, ermuntert der Kanzler: stabile Preise, sichere Renten, mehr Arbeitsplätze. Doch kaum wendet er Bonn urlaubshalber den Rücken, zeichnen die Herrschaften in seinem Presseamt ein ganz anderes Bild, ein kleines Schreckensgemälde: "Falsche Versprechungen..., nicht immer realistische, oft irreführende Berichterstattung..., zwei Millionen Deutsche suchen Arbeit. Noch stärker ist die Gruppe der bei uns lebenden Ausländer, die von der Arbeitslosigkeit betroffen ist. Strukturveränderungen in unserer Wirtschaft führen dazu, daß wir nicht in der Lage sind ..."

Sind wir nun reiche Vettern oder arme Schweine? Es gilt zu differenzieren. Armes Deutschland, krisengeschüttelt: Diese Botschaft schicken wir ins wilde Kurdistan und in die Slums von Kalkutta, ins brennende Beirut und in die Bürgerkriegsgebiete Sri Lankas. Bleibt, wo ihr seid, Leute, hier in Deutschland droht euch der baldige "Ruin", dort draußen kriegt ihr immerhin Entwicklungshilfe! So etwa lautet die Quintessenz der "Aufklärungskampagne für die ausländischen Medien", die das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung jetzt gestartet hat.

Der Kanzler aber, stabile Preise rühmend und immer mehr Arbeitsplätze verheißend, der gehört uns. Er verspricht uns "Geborgenheit und Glück statt Kälte".

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Doch das alles bedrohen diese "sogenannten Asylanten, ... die aus aller Welt herbeigekarrt werden", wie Alfred Dregger mitteilt. Sein Kollege Werner Broll, innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion und ehemals Oberstudienrat, läßt über den christdemokratischen Pressedienst wissen: "Niemand sollte aus der Vergewaltigung der deutschen Frau durch Asylbewerber in Augsburg falsche Schlüsse ziehen: Dennoch kann man am Beispiel dieses Vorfalls die Absurdität des deutschen Asylwesens aufzeigen. Es handelt sich bei den Tätern offensichtlich um Inder... kein einziger Inder wird politisch verfolgt... Zum Teil jahrelang sitzen solche Leute dann in unseren Sammelunterkünften ... Es geht schon an die Ehre eines Volkes, wenn es dulden soll, daß seine Großzügigkeit in teilweise schamloser Weise mißbraucht wird..."

Es gilt das unausgesprochene Wort: Ausländer raus. Zum Schutze der deutschen Frau, zur Rettung der deutschen Ehre. "Die derzeitige Asylantenschwemme..." beklagt der CSU-MdB Dr. jur. Wolfgang Bötsch. Was meint er? Eine "Schwemme" ist nach dem "Deutschen Wörterbuch" ein "zeitweises, zeitlich begrenztes Überangebot an bestimmten Produkten".

Das Asylrecht eignet sich auch zur weiteren "Entsorgung der Vergangenheit" (Jürgen Habermas). Frage eines Reporters an Alfred Dregger: "Verlangt nicht dieser andereHistorische Hintergrund – Nationalsozialismus/Zweiter Weltkrieg – auch ein Asylrecht, das vielleicht so aussieht, wie es bisher ausgesehen hat?" Dregger antwortet: "Nein. Die Verfassung ist nicht für die Vergangenheit gemacht worden, sondern für die Zukunft. Die Verfassungsväter haben natürlich das Bild vor Augen gehabt, das ihrem Lebensschicksal entsprach, wo wirklich Tausende oder Zehntausende politisch Verfolgter aus Deutschland anderswo ein Asyl gefunden haben. Aber sie konnten sich natürlich nicht vorstellen, daß die Bundesrepublik Deutschland wirtschaftlich zur Spitze kommt in der Welt – wir waren zerstört damals –, daß nun Millionen auf der Wanderschaft sind, und daß kriminelle Banden Leute aus den armen Ländern anwerben..."