Von Nina Grunenberg

Am Telephon erkundigte sie sich genau, wie lang der Artikel über sie sein durfte und was darin stehen sollte. Sie wollte sich auf das Gespräch vorbereiten und "in Alarmbereitschaft versetzen". Profis kennen diesen Zustand, Routiniers meiden ihn, weil er anstrengend ist. Für Stéphane Roussel ist er in über fünfzig Journalisten-Jahren so selbstverständlich geworden wie die Luft zum Atmen. Er ist ihr Lebenselixier.

Auch wenn sie in diesen Tagen ihr Buch über die Deutschen vorstellt (es erscheint unter dem Titel "Die Hügel von Berlin" bei Rowohlt), wird sie gewappnet sein. Sie hat sich dafür während der Augustwochen eigens im Kurhaus "Bühlerhöhe" einquartiert. Als Französin ist sie vom toten Schwarzwald nicht übermäßig beeindruckt. Um so mehr wird ihr Sinn für Tradition von einem Ort angesprochen, an dem sich schon Konrad Adenauer vom Regieren erholte.

Zu ihm hatte sie, seit sie 1952 Korrespondentin der Pariser Boulevard-Zeitung France Soir in Bonn geworden war, einen persönlichen "Draht". Der alte Kanzler mochte die elegante Französin, die im kleinbürgerlichen, um sein Ansehen ringenden Bonn mit Turbanen von Schiaparelli Furore machte und den Duft von Arpege als zweites Kleid trug. Aber Stephane Roussel konnte auch zuhören. Denn sie war nicht nur eine unbedingte Frau, sondern eine eiserne Journalistin, die ihre Erfahrungen mit den Deutschen längst gemacht und ihre journalistische Unschuld dabei verloren hatte. Sie bewunderte Adenauer, ihre Kollegen in Paris spotteten sogar, sie sei ihm "verfallen". Aber im Grunde war sie wohl der Meinung, daß Adenauer für die Deutschen ein Glück war, das sie nicht verdient hatten – jedenfalls nicht so schnell nach dem Desaster, für das sie verantwortlich gewesen waren.

Als sehr junge Frau war Stephane Roussel 1930 eher durch Zufall in das Berliner Korrespondentenbüro der Pariser Tageszeitung Matin geraten und hatte es, tüchtig und ehrgeizig wie sie war, bald übernommen. Die wichtigsten Grundsätze ihres Berufes waren ihr schon vorher in einer Berliner Artisten-Agentur beigebracht worden, in der sie sich als Dolmetscherin ihr Geld verdiente. "Meine besten Lehrer", erinnerte sie sich, "waren amerikanische Akrobaten. Von ihnen habe ich gelernt, wie wichtig es ist, durchzuhalten, daß man nicht daran denken darf, daß man ohne Netz arbeitet und nicht zeigt, wie froh man ist, wenn alles gutgegangen ist."

Ihr Berufsethos wurde in jenen Berliner Jahren gebildet und gehärtet. Als sie einmal miterlebte, wie SA-Männer ein halbes Dutzend Intellektuelle vor dem Romanischen Café zusammenschlugen, auf Lastwagen verluden und nur noch das Blut der Opfer als Rinnsal auf dem Pflaster vor dem Café zurückblieb, hielt sie sich, nachdem sie alles genau beobachtet hatte, nicht mehr lange auf, sondern rannte in ihr Büro und schrieb es auf. "Der Journalist ist nichts weiter als ein Zeitzeuge", kommentierte sie diese Episode. "Zwischen ihn und die Tragik der Ereignisse schiebt sich zuallererst die Pflicht, seine Leser zu informieren. Die eigene Betroffenheit kann warten."

Das ist hart, aber so war damals auch der Beruf. Fernsehen gab es noch nicht, auch über Rundfunk konnten die Franzosen nicht erfahren, was in Berlin passierte: "Das hat der Pariser nur durch mich erfahren", sagte sie – und ist noch heute stolz auf diese Leistung. Politische Analysen erwartete die Redaktion selten von ihr, aber sie verlangte tägliche Berichte aus Politik, Wirtschaft und für die Rubrik Vermischtes.