Was der SPD noch fehlt: ein schlüssiges Programm, eine überzeugende Mannschaft Von Robert Leicht

Seifenblasen platzen schnell. "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist." Mit diesem Zitat des israelischen Staatsgründers Ben Gurion beantwortete Johannes Rau, Kanzlerkandidat der SPD, bisher die heikelste Frage: Ob er wirklich meine, im Januar 1987 die absolute Mehrheit der Bundestagsmandate einsammeln zu können.

Jetzt aber, kurz vor ihrem Parteitag in Nürnberg, bekehren sich die Sozialdemokraten zu einem Realismus ohne Wunderglauben. Seitdem Willy Brandt und Peter Glotz die Parole ausgaben: "Auch 43 Prozent wären ein schöner Erfolg", ist die Luft heraus. Zumal jeder, der in dieser Lage eine Zahl nennt, im Verdacht steht, so hoch wie nur möglich gegriffen zu haben. 43, 42, 41 – wo verläuft die Grenze zwischen dem schönen und dem schlichten Erfolg?

Sicherlich, in gewisser Weise wirkt die schnöde Art des Parteivorsitzenden und seines Geschäftsführers, Hoffnungsparolen des Spitzenbewerbers zu entzaubern, in diesem Augenblick illoyal. Aber in welcher Lage stecken Parteien, wenn sich Loyalität nur um den Preis der Illusion darstellen läßt?

Die Sozialdemokraten haben, indem sie die Latte von knapp über 50 auf etwas über 40 zurücknahmen, mehr getan, als ihren Spitzenkandidaten bloßzustellen. Von einer Hoffnung auf die Mehrheit aus eigenen Kräften hatte die SPD nicht nur geredet, um die eigene Truppe zu beflügeln. (Das hatte allerdings nicht geklappt; der Rückzug wirkt nun doppelt entwaffnend.) Vor allem sollte die Mehrheitsparole die lästige und im Wahlkampf parteischädigende Frage verdrängen: Was macht die SPD, falls nach der Januar-Wahl in Bonn eine rot-grüne Koalition rechnerisch möglich wäre?

Zerreißprobe für die Partei

Wer in der Politik nicht auf Sieg setzt, bekommt leicht einen schlechten Platz. Und wer als Sozialdemokrat die Bundesrepublik regieren will, braucht nach gefestigter Erfahrung dazu mehr als die eigene Partei. Die Wahlstrategen der SPD hatten also im Blick auf 1987 zwischen zwei Übeln zu wählen: Ohne Zuversicht oder Ohne Partner. Jetzt fehlt ihnen beides.