Von Ulrich Horstmann

Man hat ihn immer erst nachher bemerkt, und selbst das war manch einem noch zu früh. Sechsundzwanzig Jahre hat es gedauert, bis der zweite Band seines Hauptwerks "Die Welt als Wille und Vorstellung" erscheinen konnte, und als sich der inzwischen fast Sechzigjährige 1846 bei seinem Verleger Brockhaus nach dem Absatz erkundigte, bekam Arthur Schopenhauer zu hören: "Ich kann Ihnen zu meinem Bedauern nur sagen, daß ich damit ein schlechtes Geschäft gemacht habe, und die nähere Auseinandersetzung erlassen Sie mir wohl."

So verschont werden wollten viele, denn es verging ein ganzes Jahrhundert, bis es dem unermüdlichen Arthur Hübscher trotz vieler Widrigkeiten in den sechziger und siebziger Jahren gelang, den Nachlaß des Philosophen in einer fünfbändigen historisch-kritischen Edition zugänglich zu machen. Wenn die Taschenbuchausgabe schon ein Jahrzehnt später auf den Markt kommt, grenzt das angesichts der Vorgeschichte fast an Hexerei –

Arthur Schopenhauer: "Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden", herausgegeben von Arthur Hübscher, vollständige Ausgabe in sechs Teilbänden; dtv 5936, Deutscher Taschenbuchverlag, München; zusammen 3224 S., 138,– DM.

Die Frage, warum die Schätze eines unserer bedeutendsten Denker – und daß man eine Schatzkammer betritt, ist schon bei den frühesten Notaten nicht zu übersehen – so lange unzugänglich blieben, läßt sich mit einem Wort beantworten, mit dem Wort Unversöhnlichkeit. Das Kompromißlose, die Verweigerung eines faulen Friedens, war der Grundzug des Schopenhauerschen Philosophierens, und die Quelle all der Verunglimpfungen und Verkleinerungen, die es über sich hat ergehen lassen müssen.

Unversöhnlich war Schopenhauer gegenüber dem Leben, das ihm als Hexensabbath eines blinden Weltwillens erschien: "Und wenn es Einem einfiele zu fragen, warum nicht lieber gar Nichts sei, als diese Welt; so ließe sich diese Welt nicht aus sich selbst rechtfertigen." Unversöhnlich war er gegenüber den Zunft- und Zeitgenossen, denen er mit abgrundtiefer Verachtung begegnete: "Wenn ich doch nur die Illusion los werden könnte, das Kröten- und Ottern-Gezücht für meines Gleichen anzusehen: da wäre mir viel geholfen." Unversöhnlich schließlich und endlich blieb er auch gegenüber einer Nachwelt, von der er zwar schon früh annahm, sie werde ihm "ein Denkmal errichten", ohne daß ihm diese Ehrung allerdings den Ekel vor dem Preis des Ruhms genommen hätte: "Daß in Kurzem die Würmer meinen Leib zernagen werden, ist ein Gedanke, den ich ertragen kann, – aber die Philosophie-Professoren meine Philosophie! – dabei schaudert’s mich."

Also hat er es nicht lassen können, den nachgeborenen "Katheder-Philosophen" beim Leichenschmaus den Magen zu verderben. "Von Anfang an krankhaft" diagnostizierte etwa Paul J. Möbius, selbst unsterblich geworden durch seine Abhandlung "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes"; "untätiges Besserwissen" urteilte Karl Jaspers, und Georg Lukács entdeckte in einem Atemzug den "Irrationalismus der äußersten Reaktion" und philosophische Wohnkultur: "So erhebt sich das System Schopenhauers wie ein schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rand des Abgrundes, des Nichts, der Sinnlosigkeit." In dessen raffiniertem Ambiente allerdings logieren, wie sich herausstellt, der Scharfsinn des "freien Selbstdenkers" Schopenhauer und mit ihm die besseren Argumente.