Von Axel Thomas

Der Kutscher dreht sich um: „Die Langen bitte auf die hintere Bank!“ Zwei Herren mit Gardemaß folgen der Anweisung. Kutscher Karl-Heinz Brütt grinst: „Im flachen Watt schlägt der Blitz immer in die höchsten Stellen ein, da ist es mir lieber, daß Sie Abstand von mir halten.“ Die sieben Passagiere lachen.

Den Scherz macht Brütt in der Saison vermutlich täglich, wahrscheinlich hat er ihn schon von seinen Vorfahren übernommen, denn die Brütts aus Cuxhaven-Duhnen karren schon seit der Jahrhundertwende Touristen durchs Watt, hinüber zur Insel Neuwerk. Für die Badegäste an Cuxhavens Strand ist das flache Eiland mit dem markanten Turm ein beliebtes Ausflugsziel, sei es für eine Wattwanderung bei Ebbe, für eine Schiffstour bei Flut oder eben für eine Fahrt mit dem hochrädrigen Wattwagen. Letzterer erspart das Waten durch die Priele, jene Wasserläufe, sich sich auch noch bei Ebbe durch das Watt ziehen. Bis zu 1,40 Meter tief dürfen die Priele sein, damit die beiden Rösser die Wagen noch hindurchziehen können. Hat sich die im Wattenmeer ruhelose Strömung ein tiefes Bett gegraben, gilt es für die Wattfahrer, einen neuen Weg zu finden.

Dazu bedarf es der Erfahrung und jahrelanger Kenntnis dieses Zwitters aus Land und See. Die Neuwerker und ihre Nachbarn auf dem rund 12 Kilometer entfernten Festland haben natürlich diese Erfahrung, seit Jahrhunderten pendeln sie hinüber und herüber, wenn die Nordsee zweimal täglich zurückweicht. Die regelmäßigen Wagenfahrten begannen allerdings erst 1880, als die Bauernfamilie Brütt den Postdienst für Neuwerk übernahm.

Damals war Neuwerk noch Bauernland, geschützt hinter einem Deich, den die Hamburger Ratsherren schon im 16. Jahrhundert hatten errichten lassen. Der Wall um das kleine Inselchen hielt zwar nicht allen Fluten stand und mußte mehrfach repariert oder erhöht werden (zur Zeit wird das Deichvorland erweitert, um Neuwerk besser zu sichern), aber er verhinderte doch, daß die Neuwerker auf ihrer Hallig ähnlich verheeren-Katastrophen erleben müßten wie die Bewohner der nordfriesischen Halligen. Selbst wenn die entfesselte Nordsee einmal über die Deichkronen schwappte, fanden die Neuwerker immer noch Schutz in ihrem Turm. Das soll so bleiben, deshalb werden jetzt alle Wege auf Neuwerk erhöht. Dann können die Menschen den Turm selbst dann noch erreichen, wenn das Wasser schon auf den Feldern steht.

Der mächtige rote Backsteinklotz mißt mit seiner grünen Kupferhaube und der gläsernen Leuchtturmhaube 45 Meter Höhe. Anno 1300 begannen die Bauarbeiten an dem Bollwerk, ein Symbol für vorausschauenden hanseatischen Kauf-• Fortsetzung auf Seite 49 • Fortsetzung von Seite 47 mannsgeist. Die Hamburger mußten nämlich, wie Eckart Kleßmann in seiner fundierten „Geschichte der Stadt Hamburg“ nachweist, ihren noch jungen Hafen schützen; der ideale Platz dafür war draußen in der Elbmündung, nahe an der Fahrrinne. Hier hatten die Kauffahrtschiffe künftig ihren Zoll zu entrichten, hier fanden sie ein Seezeichen, das sicheres Navigieren zwischen den tückischen Sandbänken erlaubte, hier wartete ein Nothafen, wenn Stürme die Deutsche See peitschten, hier war schließlich auch ein wehrhafter Stützpunkt gegen die Piratenbrut von Störtebeker & Co. Dabei haben die Hamburger Ratsherren allerdings einmal den Bock zum Gärtner gemacht: Ihr Neuwerker Vogt Bernd Beseke wurde 1536 der schweren Seeräuberei überführt und mit drei Spießgesellen enthauptet.

Kriegerische Tage hat Neuwerk trotz seiner vorgeschobenen Lage selten erlebt. Im 14. und 15. Jahrhundert haben Ritter vom Festland und Dithmarscher Truppen hin und wieder versucht, die Insel zu erobern, meist mußten sie aber nach Plündereien schnell wieder abziehen, weil der Turm ihren Angriffen trotzte. 1628 wollte General Tilly den Außenposten einnehmen, sein Plan scheiterte indessen am Nebel, die Truppen fanden nicht durchs Watt. 1808 begann es allerdings ernst zu werden, als die Franzosen Neuwerk besetzten, um den Schmuggel mit England zu unterbinden. Fünf Jahre später vertrieb der französische Kommandant die 33 Bewohner und ließ Sprenglöcher in das Bollwerk bohren. Im letzten Moment konnte die Sprengung verhindert werden.