Er sprach gern von einer kleiner Verschwörung, einem losen Kreis von Gleichgesinnten, die sich größten „im Namen Hölderlins“. Er, der Franzose, war fast sechzig Jahre lang nicht müde geworden, die Sprache und das Leben dieses deutschen Lyrikers zu erforschen; das begann 1927 in Berlin. Jetzt ist Pierre Bertaux im Alter von 79 Jahren in Paris gestorben.

Sein letztes Wort war jetzt die Gedenkrede zum 200. Todestag von „Friedrich dem Philosophen“, die er dann auf Schloß Hohenzollern nicht mehr halten konnte. Er charakterisierte diesen Preußenkönig, der heute in West- und Ostdeutschland gefeiert oder jedenfalls geachtet wird, als „Philosophen im französischen Sinn“, denn er habe „Vernunft als gesunden Menschenverstand kultiviert.“ Könnte solche Gleichsetzung von Vernunft und gesundem Menschenverstand nicht auch einem Berliner Kopf entsprungen sein? In Berlin eröffnete Bertaux 1981 die Festwochen, in deren Mittelpunkt die Preußenausstellung stand, mit einem Vortrag, in dem er seine Rolle verkleinerte mit den Worten: „In dieser Stadt hat ein Franzose Recht auf heimatliche Gefühle.“ Er verwies auf die Hugenotten. Aber für seine eigenen heimatlichen Gefühle brauchte er keine historischen Gründe. Er wurde Berliner, nachdem er sich 1927 als einziger Franzose in die Universität eingeschrieben hatte. Damals begann ein leidenschaftliches Verhältnis, das zu einem Doppelleben – im französischen und deutschen Kulturkreis – führte und zum mühelosen Wechsel zwischen beiden Sprachen. Von anderen, auf die das auch zutrifft, unterschied er sich dadurch, daß hier kein schicksalshafter Zwang gewirkt hatte. Er traf eine freie Wahl, die zu einemlebenslangen Engagement führte.

Gewiß, der Vater, Felix Bertaux, war schon Germanist an der Sorbonne, aber in der Familie sprach der Lothringer nicht deutsch. Doch blieb der Blick des Hauses nach Osten gerichtet. Als Bertaux, zwanzigjährig, mit Einführungsbriefen des Vaters nach Berlin kam, „riß man sich um ihn“. So erinnert sich Golo Mann, mit dem ihn seither eine enge Freundschaft verbindet. Heinrich Mann führte ihn in die politisch-literarischen Salons ein. Mit Joseph Roth schmiedete er Pläne.

Als dieses intellektuelle Berlin zerstört wurde – Bertaux war Zeuge, als die Bücher auf dem Scheiterhaufen brannten – traf es ihn wie ein persönliches Unglück. Und als dann seine und des Vaters Freunde auf dem Weg in die Emigration in Paris Station machten, stand man ihnen bei. Eine Briefsammlung im Hause Bertaux erzählt davon.

Konsequent bildete er schon 1940 als junger Universitätslehrer in Toulouse eine Resistancegruppe, kam ins Gefängnis, wurde 1944 einer der vierzehn „Kommissare der Republik“, die General de Gaulle einsetzte, um den Rechtsstaat gegen kommunistische Übergriffe zu schützen. Von 1949 bis 1952 wurde er beim sozialistischen Innenminister Jules Moch Generaldirektor aller Polizeikräfte mit der besonderen Aufgabe, die in den Staatsapparat eingesickerten Kommunisten zu neutralisieren.

Als das gelöst, er selbst aber an Intrigen gescheitert war und wieder zur Universität zurückkehrte, blieben ihm die Erfahrungen der politischen Jahre. Sein Germanistik-Unterricht wurde noch zeitnäher. 1968 erwirkte er, daß man seinem Sorbonne-Institut einen multidisziplinären Zuschnitt gab: Nicht nur deutsche Literatur, auch Wirtschaft, Soziologie und Geschichte sind vertreten. Er setzte den „Bertaux-Plan“ durch: Einige hundert französische Germanisten und deutsche Romanisten verbringen seither jeweils ein Semester beim Nachbarn.

Immer mit Hölderlin beschäftigt, ging er den politischen Hintergründen des Hölderlin-Schicksals nach, den Auswirkungen der französischen Revolution. Der detektivische Spürsinn des einstmals „obersten Polizisten“ gab sich nicht mehr zufrieden mit der Lesart vom „umnachteten Hölderlin“. Er bot den Deutschen ein neues Hölderlin-Bild („Friedrich Hölderlin“, Suhrkamp 1978), in dem er den Wahnsinn als Tarnmanöver interpretierte und den „Umnachteten“ als „Aussteiger“ verstand. Mutig vertrat es Bertaux gegenüber Philologen und Medizinern in öffentlichen Disputen, die viel Zulauf hatten. Seine Thesen inspirierten das Hölderlin-Drama von Peter Weiss.