„Mir san mir“, sagen sich die Bayern auch in den Ferien – und rotieren einfach nicht mit

Die Linden haben längst geblüht, die Ebereschen tragen rote Beeren, und auf der BAB München-Salzburg haben wir abnehmenden Stau. Mit anderen Worten: Der Sommer ist auf seinem Höhepunkt angelangt. Der Schichtwechsel im Gästebett hat planmäßig stattgefunden. Aus und vorbei, heißt das für gut die Hälfte der Menschen mit schulpflichtigen Kindern in diesem Land. Den Urlaub, den hätten sie hinter sich. Nach Hause zurückgekehrt, haben sie jetzt Gelegenheit, des Sommers ganze Pracht durch die Scheibe zu besehen – die Schule hat wieder angefangen, und deutlich füllen sich die Büros. Manch einer blickt noch wie von ungefähr ins Weite. Und mancher denkt nicht ohne tiefen inneren Groll an die Leute, die wieder mal noch alles vor sich haben: Im Süden der Republik ziehen sich die Schulferien immer bis Mitte September hin.

Die Erfinder der großen Sommerferien sind ja ursprünglich ganz arglos an die Sache herangegangen. Die Kinder, so hieß es damals in der grauen Vorzeit, sollten in den heißesten Wochen des Jahres nicht im Schulzimmer schwitzen müssen, sondern Erquickung suchen in Wald und Feld. Ein Gesichtspunkt, der irgendwie in den Hintergrund getreten ist, seit Experten das Ganze richtig aufbereitet und in ihre bewährten Hände genommen haben. Sie verlangten eine möglichst gleichmäßige Auslastung der Straßen (Verkehrsverbände) und eine möglichst gleichmäßige Auslastung der Betten (Fremdenverkehrsverbände) und legten einen flächendeckenden Plan vor. Jeder, so hieß es schließlich in der Ständigen Konferenz der Kultusminister, sollte zwischen dem 15. Juni und dem 15. September mal früh, mal spät, mal in der knackig heißen Kernzeit mit den Ferien dran sein, und die Herren erfanden dafür, kreativ wie sie waren, den Begriff vom rollierenden System.

Von Anfang an war der früheste Termin nicht überall beliebt. In Baden-Württemberg wurde ein Aufstand der Eltern und Lehrer registriert, weil die Ferien Mitte Juni gar so eng bei den freien Tagen um Pfingsten lagen. Holsteiner, Westfalen und Hessen müssen demnach, als sie als erste dran waren, einen anderen Kalender benutzt haben. Jedenfalls packten sie klaglos ihre Koffer, kaum daß sie die Balkonmöbel herausgestellt hatten, holten gegebenenfalls in Büsum bei dreizehn Grad Wasser- und fünfzehn Grad Lufttemperatur den Friesennerz aus dem Schrank und gingen still ihrer Wege. Voll war es nicht, manchmal billiger. Die Vorsaison hat auch ihre Reize.

Armer sind da die Leute dran, die sanfte Spätsommertage lieben. Nur ungefähr alle fünf Jahre, das macht durchschnittlich zweimal pro Schülerleben, können Eltern damit rechnen, sich gemeinsam mit ihren Kindern im August auf die Socken machen und in die Nachsaison hineinfahren zu können. Denn da sitzen ... bitte, wir wollen hier keine Aufgeregtheiten auf der Nord-Süd-Schiene austragen, wir wollen die hochsommerliche Wachablösung bloß dazu benutzen zu fragen, warum wir immer so artig rotieren und nur die Bayern ihre weißblauen Grenzpfähle hochhalten und sagen: Das machen wir nicht, das wollen wir nicht.

Gedankliche Ansätze oder aufschlußreiche Überlegungen, auch und gerade von einem Menschen im Kultusministerium, haben wir dazu nicht erhalten können. Inoffizielle, im Freistaat aufgeschnappte Begründungen scheinen auch nicht recht zu überzeugen: Bayerische Kinder, so nur ein Beispiel, müßten im August bei der Ernte helfen (ja, hat denn Niedersachsens Ernst August den Nachwuchs verweichlicht, verwöhnt?). Oder: Bayerische Familien versorgten im August ihre Gäste, schließlich handele es sich um ein Land mit vielen Touristen (wer kocht denn morgens den Kaffee in Juister Pensionen?). Oder: Das Wetter (Lage unklar).

Da bleibt nur noch zu sagen, daß auch der längste, der ganz spät noch genossene Sommer einmal endet. Und so fern ist der Tag nun auch wieder nicht, an dem wir uns allesamt vor den Auslagen der Geschäfte wiederfinden – Aug’ in Aug’ mit den Weihnachtsgeschenken. Ulla Plog