Die einen finden die Musik von Prince grauenhaft, die anderen geraten bei ihr in Ekstase. Mit sechsundzwanzig ist Prince, ein kleiner Mulatte aus einem Arme-Leute-Viertel der amerikanischen Stadt Minneapolis, der spektakulärste und schillerndste Popstar unserer Tage. Man nannte ihn einen „Satyr“, einen „Schamanen“, einen „raffinierten Manipulator“. Seine Platten haben Millionenauflagen, zu seinen ausverkauften Konzerten strömen die Teenager und das Modepublikum.

Mein letztes Rock-Konzert liegt viele Jahre zurück. Vielleicht war es Bob Dylan, vielleicht Kris Kristofferson, ich bin jedenfalls, würden die Jungen sagen, ein Altrocker – Van Morrison, James Taylor, Crosby, Stills & Nash, der frühe Neil Young: Die aufrechten Sänger, musikalische Weltanschauung, good old sixties, was soll man machen? Prince fand ich, als ich ihn vor zwei Jahren zum erstenmal hörte, geradezu unanständig.

Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger... er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.

Typisch war dafür sein erster Auftritt vor einem großen Publikum. 1981 spielten die Rolling Stones in Los Angeles, und Prince bekam neben anderen im Vorprogramm eine Chance. Nur mit einem schwarzen Bikinihöschen bekleidet erschien er auf der Bühne. Das Publikum, eingefleischte Stones-Fans, machte ihm das Leben schwer. Prince sang heroisch, spielte wie ein zweiter Jimi Hendrix Gitarre und legte brillante Tanznummern hin. Er wurde beschimpft und ausgebuht; „Schwuchtel“ und ähnliche Sachen kriegte er zu hören, ausgerechnet von Leuten, die anschließend Mick Jagger zujubelten. Wenn Jagger auf weibisch machte, dann tat er es brutal, rüde. Prince tändelte mit dem Femininen.

Er tut es immer noch – und er hat inzwischen einen großen Teil des Publikums auf seiner Seite. Ich fuhr zu einem seiner Konzerte nach London, wo er vergangene Woche eine Europatournee begann. (Die Daten in Deutschland: 26. und 27. 8. Frankfurt, 29. 8. Essen, 30. und 31. 8. Hamburg.) Meine ursprüngliche Antipathie war in letzter Zeit in Neugier umgeschlagen: Vielleicht beneidete ich die Jungen um ihr neues Idol, diesen märchenhaft und im Grunde wohl auch ganz harmlos perversen Prince?

Das Bild, das ich von Prince vor Augen hatte, hängt in einem Teenagerzimmer, wo früher Nena an der Wand klebte, dann Madonna, und jetzt Boris Becker mit Prince konkurrieren muß. So etwas hätten wir uns, im Knabenalter, nicht aufhängen können, ohne in schwersten Verdacht zu geraten: Prince in einer burgunderroten, hautengen, die private parts betonenden Samthose, um die schmalen Hüften ein schmucker Nietenledergürtel mit Kettchen, ein Arm steckt bis zum Ellbogen in einem schwarzen Spitzenhandschuh, ums Handgelenk eine Perlenkette. Auf die schmächtige, rosige Brust mit ein bißchen Wolle baumelt ein Goldkettchen, und um den Hals hat er einen schwarzen Fetzen gebunden, der nach einem Stück Seidenstrumpf aussieht. Der andere Arm ist räkelnd zum Nacken gebogen, wo die Hand neckischzärtlich den Hals berührt. Die getuschten Augen ... genug: ein Narziß mit schwarzgelocktem Haar.

In der Londoner Wembley Arena fiebern zehntausend, daß der schwarze Bühnenvorhang aufgeht. Es herrscht eine Karnevalsstimmung, schwarze und weiße Luftballons schweben.