Von Volker Hage

Ein Vierteljahrhundert nun schon: Viel ist bei uns über das Bauwerk in den vergangenen Wochen geschrieben worden. In diesem Ton allerdings kaum: „Lange ehe viele von uns geboren waren, gab es Die Mauer. Es ist schwer, selbst für die Phantasievollsten und Kühnsten unter uns, sich eine Zeit vorzustellen, in der es Die Mauer nicht gab.“ So beginnt – in offensichtlicher Anlehnung an Kafkas „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ – die Erzählung „Unsere Mauer“.

Im Jahre 1980 besuchte die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates Europa, Osteuropa vor allem, aber auch die Bundesrepublik und Berlin. Damals erklärte sie in einem ZEIT-Gespräch auf die Frage, was ihr an Deutschland aufgefallen sei: „Vieles. Vor allem die Berliner Mauer.

Sie ist ein Bild, das mich verfolgt. Ich möchte etwas darüber schreiben; noch weiß ich nicht, was – vielleicht ein langes Prosagedicht. Sie berührt mich als physisches, als psychisches, als politisches Symbol.“

Die Mauer aus der Schlußgeschichte in

Joyce Carol Oates: „Letzte Tage“, Erzählungen, aus dem Amerikanischen von Eva Bornemann; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1986; 310 S., DM 36,-,

hat eindeutig jene in Berlin zum Vorbild, ohne doch deren realistisches Abbild zu sein. Die Autorin – das ist der erzählerische Kniff – läßt den Ursprung des allzu bekannten und daher kaum noch wahrgenommenen Steinwerks im Dunkel der Geschichte verschwinden, fast so als handelte es sich wirklich um eine Mauer im fernen China: „Und wissen Sie, daß in Der Mauer Knochen von Kindern begraben sind? – in dem Fundament Der Mauer? Kinder, die außergewöhnlich schön und außergewöhnlich begabt waren – verwaiste Kinder oder sonstwie schutzlos gewordene – zu übermütig für ihr eigenes Wohl und das der Gemeinschaft. In dunklen, regnerischen Nächten, wenn der Wind von Der Mauer zu uns herüberweht, kann man ihr mißmutiges Geplapper hören. Natürlich sind das Ammenmärchen.“