Einbruch und Diebstahl: Jeder rüstet sich, so gut er kann

Von Susanne Mayer

Wenn sie darüber spricht, wird ihre Stimme rauh. Die Tür stand offen, auf dem Boden davor Holzspäne, nicht viele, ein paar nur. Ein Blick: Schränke offen, Schubladen raus, jemand hatte in den Briefen gewühlt, die Wäsche befingert, jemand hat einfach alles angefaßt. Alles. Gegen den Frosch im Hals hilft auch das Schlucken nicht. "Und dann", sagt sie, "war da noch dieser Haufen mitten auf dem Teppich." Eineinhalb Stunden hat sie daneben gesessen, bis die Polizei endlich erschien, um den Einbruch aufzunehmen. In der Wohnung war es danach nie mehr, wie es vorher war. "Abends erwarte ich jetzt fast, daß jemand da war." Sie will bald wegziehen.

Die Wohnung, das Haus, Zuhause. Türe zu und die Welt bleibt draußen, du bist daheim. Das Eigenheim ist der Deutschen liebster Traum, Häuschen im Grünen, weitab vom Bösen. "My home is my Castle" ist ein englischer Satz, den jeder Deutsche versteht. Ein Satz, der nicht mehr stimmt. Die Burg ist geknackt, das Böse kommt herein. 136 990mal passierte es im letzten Jahr in der Bundesrepublik, und dies sind die Zahlen: München – 3155 Einbrüche, Hannover – 3212, Frankfurt – 3548, Berlin – 8966, Hamburg – 14 171. In Hamburg werden an jedem Tag etwa 39 Wohnungen aufgebrochen. Und das ist nicht alles. Die Bürger der Republik fühlen sich bedroht, überall.

Sie fürchten sich auf der Straße vor dem Taschendieb, sie fürchten sich im Wald vor den Räubern, im dunklen Park vor den Vergewaltigern. Sie fürchten vor allen Dingen um ihr Auto, und das mit Recht. Autos, die teuren, die polierten, sie sind auch der Verbrecher liebstes Objekt, in weniger als zehn Sekunden sind sie zu knacken, das Radio, die Jacke, die Tasche ist weg. In Hamburg wird alle 15 Minuten ein Auto aufgebrochen. 46 984 waren es im vergangenen Jahr, in diesem werden es noch viel mehr sein – schon im ersten Halbjahr liegt die Steigerungsrate bei 34 Prozent, gibt die Polizei zu, die sonst solche Zahlen lieber erst zum Jahresende herausrückt. Die Polizei fühlt sich überfordert, der dramatische Anstieg der Massenkriminalität hält seit Jahren an.

Auch in den andern Ländern, heißt es entschuldigend, seien die Steigerungsraten bei den Auto-Einbrüchen vergleichbar, auch in Hannover liege sie bei über 30 Prozent, auch so in München, in Frankfurt, Berlin. Deutsche Städte wetteifern um den Titel "Metropole des Verbrechens". War das noch Frankfurt vor einigen Jahren, so holt Hamburg auf, so fühlt sich Hannover angesprochen, so hat Berlin einen Ruf zu wahren: die Nummer eins bei den "leichten Diebstählen" im letzten Jahr, immerhin. Deutsche Städte sind unsicher geworden – deutsche Großstädter haben eine dreimal höhere Chance, das Opfer eines Verbrechens zu werden als die Leute auf dem Lande. Kein Wunder, daß ihre Hausratsversicherungen häufig doppelt so hoch sind. 1985 war das Jahr der Banküberfälle in Hamburg, noch nie wurden in Köln so viele Handtaschen geklaut wie im letzten Jahr, noch nie, meldet die Lokalzeitung, waren Münchens Straßen so unsicher. Amerika läßt grüßen.

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