Von Rudolf Kahlen

Beefsteak, Bier und Brötchen: Das Buffet um kurz vor Mitternacht war reichhaltig. Der gediegene Rahmen im Eschborner Novotel paßte zum feierlichen Anlaß: Ein Großteil der geladenen Gäste hatte kurze Zeit zuvor einen Vertrag mit der Firma Novaport Marketing GmbH unterschrieben. Als künftige Bezirksleiter glaubten sie, „die einmalige Chance“ genutzt zu haben, mit geringem Einsatz spielend das große Geld zu verdienen.

Der Erfolg schien ihnen gewiß, dank der „Idee des Jahrhunderts“: Werbung in Gaststätten – auf der Innenseite von Toilettentüren. Schließlich sitzt – mit Verlaub – ein jeder mehr oder weniger regelmäßig auf dem stillen Örtchen und starrt gedankenverloren die triste Türe an. Was liegt da näher, als die Blicke werbewirksam zu nutzen?

„Müssen beim Müssen“ lautet der Slogan für die bundesweite Kampagne, von der sich die neuen Bezirksleiter soviel versprechen. Deshalb sind sie auch bereit, mit hohen Beträgen einzusteigen.

Der Einsatz beläuft sich auf wenigstens dreitausend Mark. Je mehr Geld ein Vertragspartner hinblättert, um so größer ist das Gebiet, für das ihm Novaport eine Alleinvertretung zusichert. Und dort hat er dann nichts anderes zu tun, als potentielle Werbekunden von der Idee zu überzeugen. Ob Metzgereien oder Feinkostläden, Computerhäuser oder Banken – selbst im kleinsten Bezirk gebe es mindestens hundert verschiedene Branchen, aus denen sich der Vertragspartner einzelne Firmen herauspicken könne. Das rechnete Francesco Barillaro an jenem Samstag abend der versammelten Runde im Novotel vor. Aufs Bundesgebiet bezogen, so fuhr der Novaport-Gesellschafter fort, könne man mit insgesamt 160 000 Kunden rechnen. Das sei durchaus realistisch bei „sechs Millionen selbständigen Unternehmungen“. Wer konnte angesichts dieser ausgeklügelten Rechnung schon ahnen, daß Barillaro aus wirklichen zwei schlicht sechs Millionen gemacht hatte?

Die beredten Novaport-Referenten ließen erst gar keinen Zweifel aufkommen. Kritische Fragen („Und wie ist es, wenn ein anderer auf die gleiche Idee kommt?“) wurden schlichtweg übergangen. „Diese rhetorisch fitten Leute verstehen ihr Handwerk der unterschwelligen Manipulation“, meint einer, der den fünf Vorträgen lauschte, letztlich aber doch keinen Vertrag unterschrieb.

Er hat sich „die einmalige Chance vom großen Geld“ entgehen lassen. Und daß, obwohl die Rechnung doch eigentlich so vielversprechend klingt: Der Einzelhändler um die Ecke zahlt für eine postkartengroße Werbung auf dreißig Toilettentüren zweitausend Mark plus Mehrwertsteuer. Dafür klebt seine Botschaft zusammen mit höchstens sieben weiteren für ein halbes Jahr auf den Werbetafeln. Der Bezirksleiter von Novaport streicht pro vermitteltem Kunden vierzig Prozent Provision ein. Aufs Jahr gerechnet könnte er im kleinsten Gebiet 25 600 Mark verdienen, steigt er größer ein, käme er „problemlos“ auf den zehnfachen Betrag. „Wer da noch zaudert und zögert, hat einen Riß in der Schüssel!“ rief denn auch Barillaro vom Podest aus den geladenen Gästen im Saal des Novotels zu. Mit Erfolg, wie sich später herausstellte. Rund achtzig Prozent der Neulinge setzten ihre Unterschrift unter den Vertrag. Das jedenfalls verkündete der Novaport-Geschäftsführer Manfred Dome stolz kurz vor dem Gang zum Buffet.