Flußperlmuscheln wachsen nur in sehr sauberen, schnell fließenden Gewässern. Sobald ein Bach mit Abwasser oder Düngemitteln verschmutzt wird, fühlen sie sich dort nicht mehr wohl. Deshalb ist gewöhnlich keine Muschel mehr zu finden, wo Perlenfischer noch vor hundert Jahren kostbare Perlen ernten konnten. Der größte Perlmuschelbestand Deutschlands, vermutlich sogar Mitteleuropas, hat im Fichtelgebirge überlebt.

Dort stecken etwa zehntausend Muscheln in einem Bachbett; in einem nur zweihundert Meter langen Abschnitt bis zu vierhundert pro Quadratmeter. Doch wie Gerhard Bauer von der Universität Bayreuth und Lebrecht Eicke von der Naturschutzbehörde Oberfranken in der Zeitschrift Natur und Landschaft berichten, bleibt der Nachwuchs in dieser Muschelbank aus. Sehr wenige Tiere sind jünger als zehn Jahre, die meisten sind älter als dreißig, und manche haben schon die Sechzig überschritten.

Junge Perlmuscheln fehlen, weil sie es mit der Wasserqualität noch genauer nehmen als ihre Eltern. Ihre ersten Lebensjahre verbringen sie vergraben in einem Bachbett, das von sauerstoffreichem Wasser durchströmt wird. Perlmuscheln ernähren sich von einzelligen Algen und Bakterien, die sie mit ihren Kiemen aus dem Wasser filtern. Sie haben sich an die sehr magere Verpflegung in kalk- und nährstoffarmen Bächen angepaßt. Sobald Phosphate und andere Nährstoffe ins Wasser gelangen, wachsen dort mehr Algen. Die Muscheln sollten nun wie im Schlaraffenland leben, doch sie gehen im Überfluß zugrunde. Da viele Algen absterben, sinkt Schlamm auf die Muschelbrut und erstickt sie.

Wenn wieder junges Leben in eine Perlmuschelbank kommen soll, darf nur noch sauberes Wasser in ihren Bach fließen. Dafür will die oberfränkische Naturschutzbehörde im Fichtelgebirge sorgen und dort die Flußperlmuschel vor dem Aussterben retten: Von den angrenzenden Wiesen kann kein Dünger mehr in den Bach gelangen, weil ein breiter Uferstreifen unter Naturschutz steht. Das Abwasser der im Tal verstreuten Bauernhöfe darf ebenfalls nicht mehr in den Bach fließen. Eine Kläranlage wäre den hohen Ansprüchen der Perlmuscheln nicht gewachsen; sie könnte die Wasserqualität nicht ausreichend steigern. Deshalb soll ein unterirdischer Kanal die verschmutzten Zuflüsse an der Muschelbank vorbei, erst weit unterhalb durch einen Klärteich in den Bach leiten. Die angrenzende Tschechoslowakei will ihre Abwässer ebenfalls durch diesen Sammler schicken. So sollten die jungen Perlmuscheln bald wieder gedeihen.

Vielleicht erhält die Flußperlmuschel in Mitteleuropa wieder eine Überlebenschance. Wenn das Projekt im Fichtelgebirge erfolgreich ist, läßt es sich auf andere Bäche übertragen, in denen ebenfalls noch magere Reste alter Perlmuschelbänke wachsen. Diemut Klärner