Von Wolfram Runkel

London, im August

Heiß ist es. In Soho schwitzen Besucher in schwarzweißen Sweatshirts in der Sonne; in einem Pub gibt es eine heiße Debatte in fremden Sprachen, in der die Namen „Kasparow“ und „Karpow“ verraten, worum es geht. In einer Bierlache schwimmen einige Bauern und Pferde, geschlagene Figuren eines Mini-Steckschachs.

London wird in diesem August von Touristen heimgesucht, die nicht wegen Tower und Buckingham gekommen sind, nicht wegen der königlichen Hochzeit, sondern die wegen des königlichen Spiels anreisen. London ist zum Mekka der Schachenthusiasten geworden. In Scharen pilgern sie zum Prince-Edward-Theater in Soho, wo das Musical „Chess“ die Schachhöhepunkte der letzten 15 Jahre zu einer Liebes- und Politik-Schau verschmilzt. Schach – wie es singt und weint.

Da rocken und zocken auf der Bühne Bobby Fischer, Viktor Kortschnoi nebst Frau und Freundin, Anatoli Karpow und der Chef des Weltschachverbandes „Fide“, Florencio Campomanes, und sogar der bayerische Schiedsrichter Lothar Schmid tanzt auf allen Tischen.

Das Theater ist bis zum nächsten Frühjahr ausverkauft. Doch die wahren Zieher und Draht-Zieher der aktuellen Schachwirklichkeit hocken derweil, nur zwei Kilometer entfernt, im feinen Park-Lane-Hotel an der Prachtstraße Piccadilly. Hier werden die Vorlagen für die nächsten Musicals und Romane geliefert.

Schon zwei Stunden vor Beginn der vierten Partie beherrscht in der prunkvollen Haupthalle des Hotels, in dem eine einfache Übernachtung immerhin 330 Mark kostet, eine unangemessen saloppe, jugendliche Gästeschar die Szene. Neben den Erdbeeren mit Sahne essenden Ladys und Gentlemen sitzen in T-Shirts die Schach-Besessenen vor den Brettern, klopfen auf lauttickende Schachuhren oder unterhalten sich in Code-Dialogen: