Johann Sebastian Bach: „Die Solokonzerte“ (Rekonstruktionen)

Wie klein die Welt, ohne Rundfunk, Fernsehen und Schallplatte, einmal war: zu Bachs Zeit etwa, als die Leute in Leipzig nicht merkten, daß die Musik ihres Thomaskantors andernorts, in Weimar und Cöthen, schon längst bekannt gewesen war. Immer wieder hatte er auf Kompositionen aus jener Zeit zurückgegriffen: bei der obligaten (sonntäglichen) Kantaten- oder Oratorienproduktion wie bei der Programmierung von Konzerten, die er seit der Übernahme des 1702 von Georg Philipp Telemann gegründeten „Collegium musicum“ – ab 1729 – bestreiten mußte. Der zeitraubende Dienst in der Schule und in den drei Hauptkirchen erlaubten es auch einem Universalgenie vom Range Bachs nicht, ausschließlich Neues zu präsentieren. In der Abgeschiedenheit der Provinz hatte er gleichsam auf Vorrat komponiert. Was er nun in der Schublade fand, adaptierte er beliebig für den aktuellen Gebrauch: transplantiert, transkribiert und transponiert. Und wie beim Gottesdienst richtete sich auch bei den Aufführungen des „Bachischen“ (Collegiums) die Besetzung nach den (solistischen) Interpreten: „vor dem Grimmischen Thore des Stadtgartens wie im „Zimmermannschen Caffe-Hauß in der Cather-Strasse“. Die Wissenschaft indes tappt bei der Wiederherstellung jener Leipziger Bearbeitungen im dunkeln. Die Originale sind verschollen, und die seit Beginn dieses Jahrhunderts in Angriff genommenen Versuche der Rekonstruktion bleiben wie die vorliegenden unbefriedigend. Für diese jüngste, vom frisch, aber dennoch konventionell aufspielenden „Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig“ (Max Pommer) und zahlreichen Solisten realisierte Fassung der Konzerte sollte man unbedingt das Bach-Werke-Verzeichnis zur Hand nehmen. Mit reinem akustischen Genießen ist es bei dieser experimentellen Anthologie nicht getan. (Capriccio C 27113-15 Vol. 1-3)

Peter Fuhrmann

Joe Cocker: „Cocker“

Als Musiker lebte Joe Cocker oft auf Pump, zahlte dafür aber auch – wiewohl von seinen Management-„Freunden“ notorisch ausgebeutet – reichlich zurück. Diesmal allerdings begab er sich leider in schlechte Gesellschaft: überwiegend mediokre Kompositionen, bombastische Produktionen und Keyboard-lastige Arrangements, die ihm wenig Chancen für nuanciertere Interpretationen ließen. Während selbst seine schwächeren Platten der siebziger Jahre immer noch grandiose Momente aufwiesen, besitzt diese nach allen Tricks des Tonmeister-Gewerbes überproduzierte LP nur noch wenige Passagen inspirierter Sangeskunst. Und die Cover-Version von Randy Newmans Striptease-plus-Macho-Satire „You Can Leave Your Hat On“ gehört ganz sicher nicht dazu. Die maliziöse Doppelbödigkeit dieses Liedes hat Cocker, seiner Interpretation nach zu urteilen, nicht mal ansatzweise begriffen. Hier wie bei der Mehrzahl der übrigen Songs singt er sich fast schon routiniert durch ein Programm, ohne daß seine Botschaften sonderlich überzeugend klängen. Selbst die besseren Aufnahmen der Platte („Living Without Your Love“, „Heart of the Matter“, „Heaven“ und eine dezent jazzig instrumentierte Fassung von Marvin Gayes „Inner City Blues“) sind nicht unbedingt Meilensteine in seiner künstlerischen Karriere. So anbiedernd „kommerziell“ war kaum eine Cocker-LP zuvor. (Capitol 24 0424-1) Franz Schöler

Run-D.M.C.: „Raising Hell“

Joseph Simmons („Run“), Daryll McDaniels („D.M.C.“) und Jason Mizell („Jam-Master Jay“) sind drei College-Jungs aus dem New Yorker Arbeiterviertel Hollis in Queens, die ihren schwarzen Sprechgesang (Rap) mit harten Rock-Elementen anreichern. Alltägliche Binsenweisheiten, Getto-Slang, politische Litaneien und Insider-Klatsch, über einer monotonen Baßlinie oder dem mechanischen Elektro-Sound einer „Beat-Box“ dahergeplappert, mochten zunächst als Trend für einen Tag gelten: heute schick, morgen unerträglich. Doch bald schon seit einem halben Jahrzehnt lassen die Rapper ihre altklugen Stakkato-Sprüche los, und immer wieder fallen ihnen clevere Variationen ein. Ihre Beobachtungen und Ratschläge sind verbal treffsicher, die musikalischen Akzente werden rudimentär, aber effektvoll am Text gehalten. Das ist schwarzer proletarischer Rock mit Biß und Witz. (Profile PRO-1217) Barry Graves