Von Gabriele Venzky

Jeden Morgen erwacht Varanasi – oder Benares, wie die Engländer es nannten – lange vor Sonnenaufgang. Durch die engen, schmutzigen Gassen hallt das weiche, klatschende Geräusch nackter Füße. Tausende von Menschen eilen, laufen, stolpern Treppen hinab – alle haben sie das gleiche Ziel: den Fluß. Während am jenseitigen Ufer der Himmel sich langsam rot zu verfärben beginnt und dann glutvoll die Sonne aufsteigt, steigen sie hinab ins Wasser. "Ganga mai ki jai" – "Gelobt seist du, heilige Mutter Ganges". Entschlossen tauchen sie ein in die bräunliche Brühe.

Siebenmal untertauchen, so ist es vorgeschrieben. Blumengestecke werden auf die kräuseligen Wellen gesetzt und treiben davon. Dann legen die Gläubigen beide Hände zu einer Schale zusammen, füllen sie mit Wasser, heben sie hoch über den Kopf und schlürfen gierig die Flüssigkeit. "Har, Har Ganga."

Wenige hundert Meter stromauf ergießt zur gleichen Zeit die Kanalisation der Millionen-Stadt ihren Inhalt stinkend und ekelerregend in den Fluß. Nur 200 Meter von Dasaswamedha Ghat, dem wichtigsten der 64 Badeplätze der Stadt, liegt das Manikarnika Ghat, wo 40 000 Leichen im Jahr verbrannt werden. "Nach Varanasi kommen und sterben..." Die Menschen glauben, daß der mühselige Weg der zehntausendfachen Reinkarnationen durch die Auflösung im Feuer verkürzt, das endliche Eingehen in das Nirwana beschleunigt wird.

Halbverbrannte Leichen treiben an den Gläubigen vorbei, die inzwischen zu den morgendlichen rituellen Waschungen übergegangen sind. Die Saris saugen sich an den nassen Leibern der Frauen fest, halbnackte Männer gurgeln mit Gangeswasser, stoßen die Brühe im spitzen Strahl durch die Zähne. Dann füllen sie das heilige Naß in kleine mitgebrachte Flaschen, für die daheimgebliebenen Anverwandten oder zum Verkauf im Dorf. "Hare, Hare", das verseuchte Wasser wäscht die Sünden hinweg, verspricht die Absolution. Sechs Millionen Menschen kommen jährlich nach Varanasi, um im Ganges unterzutauchen und das heilige Wasser zu trinken.

Doch der am meisten verehrte Fluß der Welt ist zugleich auch der am meisten verschmutzte. In jedem Liter Gangeswasser finden sich 100 Millionen Bakterien und Giftstoffe. Jeder Tropfen ist ein Generalangriff auf den menschlichen Organismus. In jedem Tropfen wimmelt es von Zyaniden, Arsen, Cadmium, Blei, Zink, Stickstoffsulfat, Chrom, Quecksilber, den Überresten menschlicher Exkremente, den Überresten verbrannter und halbverbrannter Leichen. Cholera- und Typhusbazillen reproduzieren sich milliardenfach. 98 Prozent aller Einwohner – von Varanasi leiden an Durchfallerkrankungen, die Rate der Kindersterblichkeit ist eine der höchsten in Indien. Der Ganges ist eine einzige stinkende Kloake.

Doch seit 3500 Jahren ist der Strom die Quelle von Kultur und Religion, von Leben und Tod. Von keinem anderen Fluß der Welt hängt das Schicksal so vieler Menschen ab. Ein Drittel der Bevölkerung Indiens, mehr als 250 Millionen Menschen, leben in der weiten Ebene des Flusses, 70 000 Dörfer sind es allein in Uttar Pradesh, Indiens größtem Bundesstaat, und noch einmal 100 Millionen Menschen leben im übervölkerten Bangladesh.