Gorbatschows Kurs enthüllt die Widersprüche des sowjetischen Systems

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im August

Nie mehr, seit Stalin privatem Handwerk und Handel den Garaus machte, seit Chruschtschow den verblichenen Hütten und Palästen der Moskauer Altstadt den Krieg mit der Spitzhacke erklärte, hat sich die Sowjetmetropole so freundlich gezeigt wie in diesem Sommer. In den großen, grauen Betonfurchen sind plötzlich bunte, kelchförmige Sonnenschirme aufgesprungen. Sie spenden Schatten für kleine Stände, an denen Mineralwasser, Limonade und Gebäck angeboten wird. Die ersten der bisher so abweisenden Lokale haben der Kundschaft die Stühle vor die Tür gestellt, diesmal buchstäblich: Schon der Hauch einer Hoffnung auf Straßencafes macht die Innenstadt vom Gorkij-Park bis zum Kalinin-Prospekt einladender.

Durch die alte, in warmem Schönbrunner Gelb und blassem Leningrader Grün restaurierte Arbat-Straße flanieren die Passanten, hasten die Kaufhungrigen aus der Provinz. Die Beladenen und nicht mehr die Betrunkenen haben Bänke und Baumeinfassungen besetzt. Das Zentrum der Sowjetmacht kann sich nach außen wieder besser sehen lassen – und auch jene, die darin herrschen, vermeinen es zu können. Einige der schwarzen Staatskarossen fahren inzwischen mit zurückgezogenen Gardinen. Wenn Gorbatschow kommt, werden die Straßen nur für Minuten gesperrt und nicht halbstündig wie zu Zeiten seiner Vorgänger.

Die freundlichen Handzeichen stammen von Stadt-Parteichef Boris Jelzin, der die verrottete Metropole nicht nur politisch zu sanieren versucht. Mehr Urbanität bedeutet auch mehr Öffentlichkeit. Das Leben der Menschen soll aufgeschlossener, leichter werden. Leichter, aber nicht teurer für den Staat: Gewendet und geworben wird vor allem dort, wo es den Etat nicht berührt.

Damit allein aber sind die von unveränderter Mühsal geplagten Bürger nicht zu gewinnen. Entscheidend für die große Mehrheit sind das Alltagsleben – und ob die Versorgung erleichtert wird: die Arbeitsbedingungen – und ob die Verdienste steigen: das Alkoholverbot – und ob es sich nicht bald wieder umgehen läßt. Würde all dieses eingelöst, könnte das am Ende die Arbeitsproduktivität begünstigen – so gestuft sind die Erwartungen der Bevölkerung. Nur – die Hoffnungen des Reformflügels verlaufen in umgekehrter Reihenfolge: Erst kommt die Arbeitsmoral, dann der Konsum.