Neulich kamen die ersten Kartengrüße: „... sind wir am Ende gut angekommen ... das Essen reichlich und die Unterkunft direkt am See ... Bald sind wir wieder daheim...“

Man bedauert mich. Ich gelte als zurückgeblieben. Ich, der ich die Blumen begieße, die mir in Pflege gegeben sind. Der ich die Post einsammle und auf Halden schichte, der ich zwei Katzen und einen Goldfisch versorge.

Ich bin der Hüter eines einsamen Hauses. Die Fernseher halten die Luft an: kein Schuß, kein Tusch, kein Denver-Clan. Firmenichs sind in Flandern, Baumgarts am Nordkap. Und ich bin zu Hause geblieben. Mittenmang in der Millionenstadt, die jetzt vom Trubel so sehr verlassen ist.

Um es gleich zu bekennen: Ich mag die Stille in der Stadt und im Haus zur Ferienzeit. Wenn gähnend die Stadien daliegen, in den Ämtern nur noch Notbesetzungen den Betrieb aufrechterhalten und die Schulhöfe ruhig sind. Ich gräme mich wirklich nicht. Auf dem Balkon habe ich zwischen duftendem Basilikum und Geranien den Tisch gedeckt. Ich habe mich selbst eingeladen zu Chablis, Lasagne, Tomatensalat und Erdbeerquark. Und schaue den Tauben zu, wie sie sich im Hinterhof kreischend um ein paar Brocken Brot zanken.

Nicht nur auf dem Balkon ist das Leben zur Sommerflaute herrlich. Jetzt, wo der Betrieb verklungen ist, steht mir plötzlich auch der Sinn nach kleinen Spaziergängen. Über verkehrsberuhigte Straßen, durch den Park, wo zur Mittagszeit die Buchhalter aus den Ämtern mit gelockerter Krawatte auf dem Rasen liegen. Eis schlecken und schwitzen. Dienstvergessen. In der Eisdiele träumt Antonio von Bergamo. Waschsalon und Reinigung haben bis auf weiteres geschlossen, und auch der Friseur macht Urlaub.

Meine Straße. Jetzt, wenn ich den Kopf zurücklege und nach oben blicke, erzählen die Häuserfronten Geschichten. Endlich komme ich dazu, meinem Viertel nahe zu sein. Manchmal fühle ich mich wie ein Wächter, dem man den Schlüssel übergeben hat, um in der Nachbarschaft nach dem Rechten zu schauen.

Gestern kam der große Regen, ein warmer Guß in dicken Tropfen, trommelnd auf die hartgetrocknete Erde und das Blätterwerk der Allee. Mit einem Mal roch es nach Lindenblüten und Straßenstaub, nach Sommerlust und Kindheitstagen. Und da war mir danach, subversive Kartengrüße zu verschicken. Nur den einen, für die braungebrannten Ferienmenschen wohl unverständlichen Satz hätte ich geschrieben: „Jetzt ist es zu Hause doch am schönsten.“

Harald Klöcker