Aus der Bundesrepublik ließen sich 154 tamilische Asylbewerber auf dem Seeweg vor die kanadische Küste transportieren und dort aussetzen. Der Hintergrund der Schiffsreise hellt sich nur langsam auf.

Tagelang behaupteten die in Rettungsbooten vor der Küste Neufundlands geborgenen Tamilen, sie seien aus ihrer Heimat Sri Lanka erst nach Südindien und dann auf das Schiff geflohen, das sie in den Nordatlantik gebracht hatte. Als Flüchtlinge erhofften sie Asyl in Kanada.

Deutsches Geld, sowie Kleidungsstücke und Zeitungen aus der Bundesrepublik im spärlichen Gepäck der Flüchtlinge deuteten von Anfang an darauf hin, daß die Tamilen auf dem Umweg über Deutschland Kanada erreicht hatten. Sie bestritten das tagelang. Erst als festzustehen schien, daß das liberale Einwanderungsland Kanada die Gruppe keinesfalls ausweisen würde, gaben ihre Sprecher zu, daß die Bundesrepublik die vorletzte Etappe ihrer Reise gewesen war. Die Tamilen hatten befürchtet, dieses Eingeständnis würde die kanadischen Behörden dazu bewegen, sie auszuweisen – in die Bundesrepublik oder gar nach Sri Lanka.

Schauriges berichteten die Tamilen über die Umstände ihrer Atlantiküberquerung. Der deutsche Kapitän habe sie unter Deck in engen, dunklen Räumen eingepfercht. Sie hungerten, mußten für ein Minimum an Getränken und Lebensmitteln viel Geld ausgeben, sanitäre Einrichtungen waren kaum vorhanden. All das habe sich der Kapitän teuer bezahlen lassen.

Die Reise der Tamilen wurde für die Bundesrepublik zum Kriminalfall. Die Polizei ermittelte, daß die Asylbewerber an Bord eines Küstenmotorschiffs vom Hafen Brake an der Unterweser aus in See gestochen waren; gegen den Kapitän des Schiffes wurde ermittelt, ohne daß ganz klar war, welcher strafrechtlicher Delikte er sich schuldig gemacht hatte. Die Hamburger Polizei nahm zwei Tamilen und einen Türken fest, die offenbar die merkwürdige Überfahrt organisiert hatten. Nach drei Tagen wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt; niemand bestritt ja, daß die 154 Tamilen freiwillig die Reise nach Kanada angetreten hatten.

Es blieb die politische Frage: Was veranlaßt Menschen, die sich in der Bundesrepublik aufhalten, zu boat people zu werden? Für eine besonders schlimme Unterbringung und Behandlung dieser Asylbewerber fanden sich in ihren Quartieren – zumeist in norddeutschen Kleinstädten – keine Anhaltspunkte; wohl aber konnten die Tamilen wissen, daß ihr Antrag auf politisches Asyl in der Bundesrepublik fast chancenlos war.

Obwohl die von der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit bestimmte Regierung von Sri Lanka die tamilischen Separatisten schonungslos bekämpft, obwohl bei Pogromen, die von der Regierung geduldet werden, in den letzten Jahren viele Tamilen um Hab und Gut gebracht wurden, obwohl die Regierungstruppen auf Sri Lanka immer wieder blutige Gewalttaten auch gegen harmlose tamilische Zivilisten verüben, ist nach Meinung deutscher Gerichte in Sri Lanka keine „asylrechtlich bedeutsame Verfolgung“ zu erkennen. Erst jetzt wieder hat das Verwaltungsgericht Ansbach den Asylanspruch einer Tamilin zurückgewiesen, weil das Ziel der Behörden von Sri Lanka lediglich sei, „die staatliche Einheit Sri Lanka zu erhalten und die Separatisten zu bekämpfen“ – die potentiellen Opfer solcher staatlichen Maßnahmen, auch unbeteiligte Zivilisten, haben kein Anrecht auf Asyl in der Bundesrepublik. Die Überfahrt nach Kanada war also die Flucht vor der Abschiebung in ein Land, wo Tamilen ihres Lebens nicht mehr sicher sind.