Bahn, Post und Stromversorger treiben ihre Kunden zur Verzweiflung

Von Friedhelm Gröteke

Das Osterpäckchen der lieben Oma aus Deutschland kam kurz vor Himmelfahrt in Mailand an. Die Verpackung war ramponiert, und vom Schokoladenhasen war nur noch der Rumpf übrig. Den Kopf hatte jemand – deutliche Spuren ließen es erkennen – mit einem kräftigen Biß abgetrennt. Die italienische Post hatte wieder einmal nicht funktioniert.

Für den Privatmann sind solche Mißgeschicke nur ärgerlich. Italiens Unternehmer aber klagen zunehmend über die hohen Verluste, die sie durch die unrationelle Führung und Verwaltung der öffentlichen Einrichtungen erleiden. Der Unternehmerverband des Landes schätzt, daß der Wettbewerbsnachteil der Wirtschaft gegenüber der Konkurrenz in den großen Industrienationen je nach Standort und Branche zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Gesamtkosten liegt. Große Probleme gibt es vor allem mit Post, Bahn und der Stromversorgung.

Völlig unverständlich ist aus italienischer Sicht die Kritik der Stiftung Warentest an der Deutschen Bundespost. Die bekam im vergangenen Jahr in einer Untersuchung der Verbraucherzeitschrift schlechte Noten, weil „nur“ 77 Prozent aller Briefe am nächsten Werktag ankamen. In Italien erreicht bis zum dritten Tag nur jeder fünfte Brief den Empfänger. Eilbriefe, die in weniger als vier Tagen zugestellt werden, sind eine Sensation.

Dabei mangelt es der italienischen Post durchaus nicht an Personal. Im Gegenteil: Ebenso wie die Eisenbahn hat sie einen wachsenden Personalbestand. Die staatsunmittelbare Post und das teils von der Post, teils von der Staatsindustrie betriebene Nachrichten- und Fernmeldewesen beschäftigen zusammen 325 000 Menschen. Die Post allein unterhält in vierzehntausend Ämtern und Büros 232 000 Beschäftigte, allein im vergangenen Jahr kamen zehntausend neue Kollegen dazu. Der Personalbestand der Post vermehrte sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 33 Prozent; ihre Gesamtleistung stieg dagegen nur um elf Prozent. Und das Defizit betrug im vorigen Jahr 3,75 Milliarden Mark.

„Kein Unternehmer vertraut wichtige Sendungen der Post an“, verrät Ernesto Auci, Direktor für Außenbeziehungen des italienischen Unternehmerverbandes Confindustria. Die exportorientierten Unternehmen im Industriegebiet um Mailand haben Schließfächer im südschweizerischen Kanton Tessin gemietet Täglich bringen ihre Boten die Post zum eidgenössischen Versand und holen gleichzeitig wichtige Sendungen ab. Was morgens mit Schweizer Poststempel versehen von Chiasso oder Lugano abgeht, wird nachmittags schon in Zürich ausgetragen und ist am nächsten Tag in Hamburg oder Paris. Die Römer haben als Geheimtip die vatikanische Post, die abends per Flugzeug in die Schweiz abgeht.