Taler, Sterntaler regnen vom Himmel. Miss Celie spielt verlegen mit dem Saum ihres Kleides. Ihre großen, runden Augen verdrehen sich, vorsichtig wandert ihr Blick nach oben, streift den Rand der Nickelbrille, die auf ihre Nasenspitze gerutscht ist. Dort oben wohnt Gott. Er ist der einzige Freund, den Miss Celie auf dieser Welt hat; ihr großer Bruder, dem sie ihr Leid klagen kann, der sie in die Arme nimmt und in den Schlaf wiegt und Sterntaler regnen läßt.

Miss Celie hebt ihr Kleid und der Stoff bildet eine tiefe Mulde. Bunt sammeln sich die Sterntaler in ihrem Schoß und verwandeln sich in ein Blütenmeer, ein weites, wogendes, violettes Blumenfeld, in dem die wenigen glücklichen Kindertage tanzen und springen, an denen Miss Celie ganz unbeschwert singen und lachen konnte.

Wenn ihr Gott, wie in diesem Augenblick, zuzwinkert und sich die kleinen Falten in seinen Augenwinkeln gütig kräuseln, dann weht ein warmer Hauch durch die kalte Einsamkeit, in der Miss Celie lebt. Ja, sie schreibt ihm heimlich lange Briefe, und wenn sie sehr verzweifelt ist, denkt sie sich ganz schnell einen neuen Absatz aus. Unvermittelt anwortet ihr Gott, und das flinke Kneifen seiner alten Augen sagt: Ja, ich bin da und höre dir zu. Das macht sonst niemand. Ein scheues Lächeln fliegt über ihr Gesicht, ein Zeichen stillen Einverständnisses. Miss Celie muß es hinter ihren abgearbeiteten Fingern verbergen. Sie weiß, daß die Schicksalsschläge, die sie treffen, stets aus heiterem Himmel herabflitzen.

Gott hat sie lieb. Gewiß, er ließ zu, daß ihr Stiefvater, ein alter, geiler Bock, Nacht für Nacht über ihren zerbrechlichen Kinderkörper kroch und sie auch schwängerte. Aber Gott sorgte auch dafür, daß die Elendswürmer, die sie gebar, bei einer kinderlosen Missionarsfamilie ein neues Heim fanden.

Gewiß, er sah zu, wie Miss Celie an einen herrischen Bauern weggegeben wurde, der sie schlägt und mißhandelt, und die junge Ehefrau als Arbeitstier mißbraucht. Er ist ein verliebter Gockel, der einer anderen nachläuft. Er plustert sich und gackert und Miss Celie hilft ihm noch dabei.

Es ist eine gefeierte Blues-Sängerin, an die sich Miss Celies Herr (sie darf und will ihn nur "Mister" anreden) verschaut hat, eine verschlampte Diva, die wohl gewohnt ist, jeden Tag in Whisky und Eselsmilch zu baden, morgens ist sie ein Wrack, doch nachts, da segelt sie wie funkelnder Sternenstaub durch die Männerträume. Mit ihrem Schmuck und ihren Eskapaden unterscheidet sie sich so vollkommen von Miss Celie, daß diese es kaum wagt, ihr durchs Schlüsselloch ins Antlitz zu schauen.

Eines Abends, da trifft sich das ganze Dorf. Shug Avery, die Diva, tritt auf. Sie singt den Miss-Celiés-Blues, den sie selbst gedichtet hat. Darin nennt sie Miss Celie "Schwester", ihre Schwester, was so viel heißt, wie: ich liebe dich. Die stumpfen Dorfbewohner, der einfältige und brutale "Mister", alle sind bloßgestellt. Miss Celie aber dreht ihren Blick nach oben und grinst verstohlen: es regnet Sterntaler.