Wenn ein Wissenschaftler wollte und die Zeit hätte, könnte er den ganzen Sommer gratis an der adriatischen Küste verbringen. Denn jede Woche, die Gott werden läßt zwischen Frühlingsende und Herbstanfang, findet zwischen Rimini, Riccione, Cattolica, Gabicce, Pesaro und so weiter ein Festival, ein Kongreß, eine Kunstausstellung, eine Veranstaltung über Literatur oder andere Humaniora statt.

Etwas weniger üppig hat auch die toskanische Küste einige Wochen analoger Badefreuden zu bieten. Nimmt man die Biennale, die Mostra del Cinema, die Fondazione Giorgio Cini und den Palazzo Grassi zusammen, so bietet Venedig exzellente Gelegenheiten zu Müßiggang wie zur Fortbildung, zu künstlerischer Erhebung wie zum Genuß erlesener Scampi. Selbst ein hochspezialisierter und nur in engsten Fachkreisen namhafter Wissenschaftler kann, ebenso wie ein junger Mikrobiologe oder ein Experte für Hochenergie, bequem mindestens vier Wochen Ferien absolvieren, indem er auf die Interdisziplinarität setzt; gerade Mikrobiologen sind sehr gefragt bei Veranstaltungen über graphische Kreativität, so wie Semiologen (ich kann es bezeugen) auf Immunologen-Kongressen.

Freilich, das Wetter ist, was es ist, und nicht selten verleitet einen die Wissensliebe zur Teilnahme an Kongressen, die in sonnendurchglühten Ebenen mit Kontinentalklima stattfinden. Aber manchmal gerät man ins Träumen, und es kommt vor, daß ich mich frage, warum sich mir so selten Gelegenheit bietet, an einem Kongreß in den Cinque Terre oder im Golf von Tigullio teilzunehmen, ganz zu schweigen von einigen wilden Inseln im tiefen Süden, die man nur mit privaten Yachten erreicht.

Der Grund ist jedoch, daß die eben genannten Orte exklusiv bleiben wollen, sie leben von einem Elite-Tourismus und sind nicht an Vermehrung der Zahl ihrer Gäste, sondern an deren Begrenzung durch Selektion interessiert. Darum florieren die kulturellen Initiativen nur an Orten, die auf eine Steigerung ihrer Besucherströme aus sind – sollen doch diese sich hinterher in Restaurants, Diskotheken, Strandbäder und Shopping Centers ergießen. Mithin werden solche Initiativen als Freizeit-Konsumanreize betrachtet, als Werbetricks, als Demonstrationen der Vitalität: Sie faszinieren zwar nicht unbedingt den deutschen oder holländischen Apotheker, aber sie erzeugen Betriebsamkeit, ziehen die Aufmerksamkeit der Presse auf sich, verleihen der interessierten Lokalität einen Abglanz von großer Welt und geben dem Besucher das Gefühl, eine reiche Auswahl zu haben, besonders wenn sie – wie es zuweilen geschieht – auch spätabends noch Filmvorführungen, Konzerte, Happenings und Ausstellungen bieten. Grund genug also, um die eher aristokratischen Geister geneigt zu machen, diesen Mißbrauch der Kultur als Touristenköder zu beklagen.

Das Problem, das auch die aristokratischen Geister in Verlegenheit bringt, ist jedoch die Tatsache, daß viele dieser Initiativen durchaus von hohem Niveau sind. Auf jeden Fall fördern sie die Zirkulation des Wissens, und außerdem dürfen sie nicht aus der Sicht des eingeladenen Experten beurteilt werden, sondern allein aus der des sozusagen „normalen Kunden“, der diese Chancen, interessante Erfahrungen zu vernünftigen Preisen machen zu können, sehr wohl zu schätzen weiß, zumal wenn er aus einer Provinzstadt kommt, die über kein eigenes Centre Beaubourg verfügt.

Gewiß, ein begeisterter Fan des Kulturrummels, der nicht genug davon kriegen könnte, hätte gute Aussichten, beim Psychiater zu landen, aber niemand hat je gesagt, daß ein Seifservice-Restaurant dazu da ist, sich vollzustopfen bis zum Infarkt. Der Gourmet wählt aus.

Moral der Geschichte: Mir scheint hier kein Anlaß zum Moralisieren gegeben. Wenn eine kommunale Institution es für nützlich hält, in ihren Mauern ein Festival des koreanischen Experimentalfilms zu haben, und wenn es den Organisatoren gelingt, dafür einen Sponsor zu finden, kommt die Lösung allen zugute, nicht zuletzt den Liebhabern des koreanischen Experimentalfilms (die bekanntlich Legion sind), denn anders hätten sie kaum je die Möglichkeit, zu absolut erschwinglichen Preisen ihre bevorzugten Streifen zu sehen.