Venedigs Kreuzzug gegen die Rucksacktouristen zieht Kreise. Von der Lagunenstadt bis nach Capri wogen mittlerweile die hitzigsten Debatten um Kampier-Verbote. Selbst Italiens Ministerpräsident mischt mit.

Bettino Craxi, Italiens sozialistischer Regierungschef, hat von Venedigs Bürgermeister Nereo Laroni besorgt Rechenschaft verlangt: Er will wissen, welche Alternativen die Lagunenstadt der jetzt obdachlosen Schlaf- und Rucksack-Jugend künftig tatsächlich offerieren will.

Laroni hat eilfertig ein Beschwichtigungsschreiben nach Rom gesandt. Sein ohnehin ramponiertes Image hat nämlich in den vergangenen Tagen noch weiter gelitten: In einem Anfall von übersteigertem Lokalpatriotismus hat sein Tourismus-Referent Augusto Salvadori eigenmächtig den Gondolieri schriftlich nahegelegt, nur mehr venezianische Volkslieder zum besten zu geben, keinesfalls aber ausländische Schnulzen-Hits wie das neapolitanische „O sole mio“.

Unter den Auspizien, solcherart bald vollends der Lächerlichkeit anheimzufallen, hat der Bürgermeister also schleunigst versprochen, daß keine Jugendlichen „vertrieben“ werden. Von den Behörden ließ er einen Pavillon und einen Schulgarten als Billig-Schlafstätten (Nächtigungspreis vier Mark) für junge Leute freigeben.

Bannsprüche gegen die „neuen Türken“ hat es freilich in der Zwischenzeit trotz allerhöchsten Protests aus Rom dennoch in ganz Italien gegeben. Capris Küstenwächter beispielsweise schickten suspekte Jugendliche kurzerhand wieder aufs Festland zurück – mit der durchsichtigen Entschuldigung, die Insel hätte zwar nichts gegen Rucksack-Besucher, für deren Sehnsüchte nach Schlaf unterm Sternenhimmel fehle aber leider die entsprechende Infrastruktur.

In Italiens Adria-Hochburg Riccione hat das Vorbild Venedig ebenfalls Nachahmung gefunden, allerdings nur für kurze Zeit. Zunächst sprach der Bürgermeister ein Verbot gegen das Sitzen auf Gehsteigen, das Übernachten in Autos und gegen das Spielen lauter Radiomusik auf der Straße aus. Mittlerweile ist nur mehr letzteres untersagt – unter dem Druck von Jugendgruppen und einem aufsehenerregenden Protestspektakel, bei dem sogar das staatliche Fernsehen kräftig mitmischte, wurden die drakonischsten Strafandrohungen wieder zurückgezogen.

Kaum ein Tag verging in den letzten Wochen, da nicht eine Zeitung Neues von der Schlafsack-Front zu melden Wußte. Von Streiks der Adria-Kaufleute war die Rede, die keine Toleranz der Behörden gegenüber den „neuen Türken“ dulden wollen. Zugleich mehrter. sich die Hiobsbotschaften über wildes Zelten in Naturschutzgebieter. In der Valle Vecchia, einem Küstenreservat nahe Caorle, schlugen 5000 illegale Camper die Polizei in die Flucht. Umgekehrt verscheuchten weiter südlich, in der Lagune von Orbetello, die Carabinieri Hinderte von heimlichen Robinsons aus der Pineta.