Überraschen konnte das Ergebnis der sowjetischen Untersuchung, wie es zur Katastrophe von Tschernobyl kam, im Westen nicht mehr; das Politbüro hatte schon Mitte Juli die Richtung gewiesen. Auf 382 Seiten belegen die Wissenschaftler, was schon sehr früh behauptet wurde: Menschliches Versagen führte am 26. April zum GAU – menschliches Versagen, so heißt es nun, das an unverständlichen Leichtsinn grenzt. Not- und Überwachungssystem waren abgeschaltet worden, um ein nicht einmal lebenswichtiges Experiment bequemer durchzuführen.

Eine einleuchtende Erklärung, aber doch wohl keine ausreichende. Denn die Fehler des Bedienungspersonal konnten sich wohl nur so fatal auswirken, weil die technische Konstruktion des Reaktors solche Fehler nicht verzeiht. Es fehlt diesem System jede „eingebaute Gutmütigkeit“, und weil dies den Technikern nicht unbekannt ist, wiegen die Verstöße der Reaktorfahrer um so schwerer.

Am kommenden Montag beginnt in Wien eine Konferenz über das Unglück, auf der alle Einzelheiten dargelegt werden sollen. Moskau will (und kann) auf Kernenergie nicht verzichten, die Reaktoren des Tschernobyl-Typs nicht abschalten. Es wird zur Beruhigung seiner Nachbarn deswegen sehr detailliert erklären müssen, wie es sein Restrisiko – jenes des menschlichen Leichtsinns in einem technisch anfälligen System – zu minimieren gedenkt. H. B.