Wohlfeil zu haben sind derzeit „untrügliche“ Theorien, die das Siechtum unserer Wälder erklären. Trotz der Emsigkeit in Laboratorien und bei Pressegesprächen müssen sich die deutschen Waldschadensforscher von ihren amerikanischen Kollegen mangelnde Wissenschaftlichkeit nachsagen lassen. So ist, nach Ansicht des Biologen S. B. McLaughlin vom Oak Ridge National Laboratory, einem Zentrum für Umweltforschung in den Vereinigten Staaten, der Waldschadensbericht der Bundesrepublik keine wissenschaftlich biologische Erhebung, sondern ein politisches Werkzeug. Und der weltweit anerkannte Fachmann für Baumkrankheiten, Paul Manion, von der State University in New York, geißelt die deutschen Kollegen, sie hätten auf der Jagd nach Forschungsgeldern und öffentlichem Ansehen die sorgfältige Diagnose der verschiedenen Waldschäden vorsätzlich vernachlässigt.

Bislang stellten die Waldschadensforscher hierzulande sehr einseitige Fragen. Sie untersuchten die Wirkung von Luftschadstoffen auf Pflanzen und Waldbäume. Denn dafür gibt’s schnelles Forschungsgeld. Doch schnelle Aufklärung des frühzeitigen Alterns unserer Waldbäume ist mit einfachen Ursache-Wirkungsmodellen nicht zu erlangen. „Um den Verfall eines lebenden Systems zu enträtseln, das so vielschichtig ist wie der Wald, müssen differenziertere Fragen gestellt und beantwortet werden“, sagt Manion.

Auch deutsche Pflanzenpathologen kritisieren die dilettantische Schadenserhebung in unseren Wäldern. Weder sei der Krankheitsverlauf einzelner Bäume ermittelt, noch seien zeitliche und räumliche Übersichten von der Ausdehnung verschiedener Krankheitsbilder ausgearbeitet worden. Die deutsche Waldschadensinventur wirft schlichtweg alle schütteren Baumkronen, verkrüppelte Wuchsformen sowie gelbe Blätter und Nadeln in einen Topf, bemängelt der Pflanzenarzt Franz Nienhaus vom Institut für Pflanzenkrankheiten der Universität Bonn.

Als Koordinator eines vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) geförderten Forschungsprojekts untersucht er mit seiner Arbeitsgruppe in Bonn die Rolle von Viren und primitiven Bakterien am Siechtum unserer Wälder. An dem im Sommer 1984 begonnenen BMFT-Projekt zur Erforschung parasitärer Erkrankungen im Forst arbeiten neben den Forschern der Universität Bonn Wissenschaftler der Universitäten Düsseldorf, Freiburg, Göttingen und Hohenheim sowie der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Berlin und Dossenheim und des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried bei München.

Nienhaus entdeckte jetzt in kranken Rotbuchenwäldern im Rheinland ein Virus, das bisher als Krankheitserreger bei Kirschbäumen und Birken und in Nordamerika bei Ulmen bekannt ist – das Kirschenblattrollvirus. Da dieses Virus durch Samen übertragen wird, prüft Nienhaus mit seiner Arbeitsgruppe, ob auch Bucheckern das Virus enthalten. Dies würde bedeuten, daß nicht nur bei der Auspflanzung, sondern auch bei der Aussaat das Virus rasch weiterverbreitet wird.

Ein weiteres Virus entdeckten die Bonner Forscher in geschädigten Rotbuchen in der Nähe von Köln. Dieses dem Trespenmosaikvirus eng verwandte Virus ist weltweit als Schmarotzer auf Gräsern bekannt und wird von Würmern übertragen. Überdies zeigten Untersuchungen an stehenden und fließenden Gewässern in Waldgebieten der Eifel eine starke Verseuchung mit pflanzenpathogenen Viren. Die Forscher versuchen jetzt zu klären, ob diese Viren wie das Trespenmosaikvirus auch unsere Waldbäume befallen.

Die Lebensgemeinschaft Wald ist vielen Angriffen ausgesetzt. Besonders tückisch sind die biologischen Attacken der Bakterien und Viren. Just sie aber sind bisher bei der Waldschadensforschung viel zu wenig berücksichtigt worden.