Von Isolde von Mersi

Ein heftiger Sturm hat der Akazie im Schloßhof den dicken Ast abgebrochen. Die beiden Reiseleiter heißen Gabor, der Tennislehrer ebenso. Damit keine Irrtümer aufkommen, haben die Gäste die Nomenklatur Gabriel, Gabor und Gabor-Brille ersonnen. Das Essen ist besser geworden seit der Palastrevolte der ersten Urlaubergruppe – der wurden einmal gar gebackene Schweinepfoten kredenzt.

Kaum eine halbe Stunde nach meiner Ankunft im Schloß Ráckeve – es liegt eine knappe Autostunde südlich von Budapest auf der Donau-Insel Csepel – bin ich bereits mit den wichtigsten Gegeben- und Gepflogenheiten innerhalb und außerhalb der Schloßmauern bestens vertraut, dank Elke und ihrer Mama, die mich sofort als aufklärungsbedürftigen Neuling identifiziert haben.

Unter den etwas mehr als dreißig deutschen Urlaubern, die sich für zwei bis drei Wochen pauschal im Schloß eingemietet haben, sind Elke und ihre Mutter eine Minderheit – sie gehören zu den wenigen, die keinen der vielen Kurse besuchen, die der Veranstalter der „Aktiv-Ferien“ in Ungarn zur Auswahl stellt. Die beiden sind gekommen, um Ungarn auf eigene Faust zu erkunden, fast jeden Tag fahren sie mit dem Auto über Land.

Die übrigen Schloßbewohner haben sich an diesem Sonnabend per Bus zum Sightseeing auf den Weg zum Donauknie gemacht, erzählt Elke, wer Kurse besucht, hat nämlich nur das Wochenende völlig frei für Entdeckungsfahrten. Ich selber mache zunächst einmal einen Rundgang durchs historische Domizil. Der Feldherr und Türkenbezwinger Eugen von Savoyen hat es 1702 beim barocken Star-Architekten Johann Lucas von Hildebrand in Auftrag gegeben, nachdem er die gesamte Donau-Insel Csepel gekauft hatte. Bewohnt hat der ausländische Prinz seine zwischen 1720 und 1722 vollendete Residenz freilich nie, er war damals dauernd in Staats- oder Kriegsgeschäften für das Haus Habsburg unterwegs.

Dieses nahm nach Eugens Tod das elegante Schloß an. der Donau – genauer: an deren schmaleren rechten Nebenarm – zeitweilig in Besitz, später wurde es ein ungarisch geführter Gutshof. Brandschäden und Umbauten im vorigen Jahrhundert haben das ursprüngliche Ensemble mit italienischen und französischen Stileinflüssen stark entstellt. Dem Zusammensturz bot erst die 1973 begonnene behutsame Restaurierung Einhalt.

Jetzt ist das Schloß ein halbstaatliches „Haus des Schaffens“ geworden, mit Tagungs- und Gesellschaftsräumen, mit Restaurant im Kellergewölbe und 28 Zimmern zur ebenen Erde. In den schönen hellen Räumen des eingeschossigen Flügelbaus, im Schloßhof zu Füßen von Minerva und Merkur, von Herkules, Diana und den vielen anderen Götterstatuen auf dem Dach, wohnen und werken erstmals in diesem Sommer deutsche Feriengäste, ganz unter sich. Der Allgemeinheit sind nur der spiegelverzierte Kuppelsaal und das Speisenlokal zugänglich.