Berlin

Vier Wochen lang ist die türkische Journalistin Ayda Özlü in der Lokalredaktion des Tagesspiegel in Berlin zu Gast. Schon nach ihren ersten Artikeln begann eine Lawine öffentlichen Interesses auf sie niederzurollen. Die Ausländerbeauftragte bittet sie zum Mittagessen, der Innensenator zum Gespräch, Leser laden sie ein. In Fernsehsendungen soll sie auftreten, und im Rundfunk Interviews geben. Die Führung durch das Museum für Islamische Kunst steht ebenso auf ihrem Programm wie der Besuch einer Lehrerin in Kreuzberg und Treffen mit Landsleuten.

Mit Anmut und einem gelegentlichen Anflug von Kopfweh hält die 26jährige dem Ansturm stand. "Das ist zuviel", hat sie am Anfang gesagt. "Was ist so besonders daran, daß eine Türkin nach Berlin kommt?" Später meinte sie: "Ich fühle mich wie eine Probiermaus. Jeder beobachtet mich ganz genau, was ich sage und tue."

Eine Türkin in Deutschland? Das Außergewöhnliche daran ist wohl, daß die Frau aus Istanbul nur vier Wochen bleibt. Daß sie sich aus der Sicht einer Türkin ein Bild macht von dem Leben, das ihre Landsleute hier führen. Eine, die nach türkischem Maß mißt, hält ihnen den Spiegel vor.

Was dabei herauskommt, findet nicht immer Zustimmung. Besonders nicht bei den tonangebenden Männern unter ihren Landsleuten, die das routinierte Klagen um Senatshilfe schnell gelernt haben. Wer hört schon gern, daß es ihm gut geht? Ayda aber findet viel Gutes am Leben ihrer Landsleute in Berlin. Wenn sie in ihren Artikeln über die Entfremdung der Generationen und die Schwierigkeiten bei der Familienzusammenführung berichtet, erinnert sie gleichzeitig an die "in der Türkei unbekannten Sozialrechte" wie Arbeitslosengeld und Wohngeld.

Eine halbe Stunde lang hat sie am Telephon mit dem Chef der Türkischen Gemeinde Berlins gestritten. "Er hat gesagt, daß es schlecht ist für die Türken in Berlin, wenn ich Gutes über ihre Verhältnisse schreibe." Und ein bißchen habe er ihr gedroht, er werde sie in aller Öffentlichkeit als Lügnerin anprangern.

"So viele wünschen, daß ich für ihre Interessen arbeite", klagt sie. "Dafür bin ich nicht hergekommen. Ich schreibe, was ich meine." Zum Beispiel meint sie, daß eine Wohnung, in der es 24 Stunden lang warmes Wasser gibt, in ihrer Heimat als Luxus gilt. Sie bemerkt, daß sich ihre deutschen Kollegen eine Wohnung, ein Auto und Restaurantbesuche leisten können. Sie selbst müßte, wenn sie allein wohnen wollte, ihr ganzes Gehalt, umgerechnet rund 500 Mark im Monat, dafür ausgeben.