Die Fernsehrede des sowjetischen Generalsekretärs vom Wochenanfang enthält eine gute Nachricht und eine Warnung zugleich. Michail Gorbatschow, das ist jetzt klar, wird vor Ende des Jahres zum Gipfeltreffen mit Ronald Reagan nach Washington reisen – sonst hätte er den einseitigen Testverzicht der Sowjetunion nicht bis zum 1. Januar 1987 befristet. Zugleich läßt sich die Warnung nicht überhören: Wenn der Gipfel ergebnislos bleibt, dann könnte auch der Spielraum der Sowjetführung für Konzessionen bald völlig dahinschwinden.

Präsident Reagan hat die gute Nachricht registriert, auch er will den Gipfel. Ob er aber die Warnung ernst nimmt? Bisher zeigt er keinerlei Bereitschaft, Abstriche an seinem Lieblingsprojekt SDI zu machen, weder durch direkte Beschränkungen noch auf dem Umweg über ein Teststopp-Abkommen. Die Sowjetunion ist für ihn ohnehin ein economic basket-case, ein wirtschaftlich hoffnungsloser Fall, sie hat, so glaubt er, keine andere Wahl, als Amerika entgegenzukommen.

Die Europäer jedoch erinnern sich daran, daß wirtschaftlicher Rückstand auch in der Vergangenheit die sowjetische Rüstung nur selten bremsen konnte. Sie haben Grund, die Warnung ernst zu nehmen. Und Anlaß genug, sich die gängige Formel amerikanischer Regierungssprecher zu verbitten, ein Atomteststopp liege gegenwärtig weder im Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten noch dem „ihrer Freunde und Verbündeten“. cb