Von Wolfgang Gehrmann

Stundenlang nichts als Zahlen. "Achtzig, fünfundachtzig", quäkt der Tischlautsprecher, und: "Zwoundachtzig, siebenundachtzig." "Eighty, eightyseven", murmelt Klaus Schürmann ins Telephon und greift sogleich nach einem anderen Hörer: "Fünfundsiebzig, achtzig. Zehn an dich."

Er behält die grünleuchtenden Zahlenkolonnen auf dem Monitor im Auge, schaut zwischendurch in die Runde zu den Kollegen, die mit ihm um den gewaltigen achteckigen Tisch sitzen, vor ihren Bildschirmen, Tastaturen, Rechenmaschinen und Telephonen. Auch sie geben laufend Zahlen von sich, in fremden Sprachen, horchen gebannt in das tönende Zahlengewirr, sind meist leise und konzentriert. Gelegentlich nur ein lauter Ruf, wie: "Achtzig, neunzig. Achtzig, neunzig. Fuffzig raus!"

Klaus Schürmann und seine Kollegen handeln mit fremden Währungen. Die Zahlenlitanei, welche die Devisenhändler der Commerzbank in Frankfurt tagein, tagaus herunterbeten, sind D-Mark-Wechselkurse, die sie für Dollars, Peseten oder Schweizer Franken zu zahlen bereit sind oder beim Verkauf verlangen. Über ihre Telephone halten sie dauernden Kontakt zu den Devisenhändlern anderer Banken, zu Maklern und Notenbanken auf der ganzen Welt. Unaufhörlich fragen die Händler einander in diesem globalen Kommunikationsnetz ihre Tauschkurse ab. Es klingt den ganzen Tag, als redete das Geld selbst in vielen Zungen miteinander.

Der Dealer, der einen vorteilhaften Kurs gehört hat, schlägt zu: Kauft fünf, zehn, fünfzig Millionen Dollars in der Absicht, sie später mit Gewinn wieder loszuschlagen. Oder verkauft einen Batzen Dollars mit der Hoffnung, sie rechtzeitig vor dem Liefertermin billiger einkaufen zu können. Das alles geht per Zuruf am Telephon, ohne Vertrag und Unterschrift – my ward is my bond, sagen die Händler.

Nur selten nimmt Klaus Schürmann sich die Zeit, mit einem der fernen Gesprächspartner, deren er ständig mehrere an der Strippe hat, einen kompletten Satz zu wechseln. "What’s cooking todey?" will er aus London wissen, "How many did you make?"

Viel Zeit ist nicht zum Plaudern, denn dies, sagt Klaus Schürmann später, "ist ein schwerer Job. Ein schwerer Job, weil du aus nichts Geld verdienen mußt, aus der Luft geradezu". Einen Moment dabei nicht aufgepaßt, und zigtausend Mark sind verloren. Eine günstige Zahl irgendwo aufgeschnappt, und in Sekunden ist ein Vermögen verdient.