Neue Architektur beruht in bestehenden Städten auf dem, Abbruch. Jeder Neubau im Stadtinnern zerstört Gebäudesubstanz. Das zerstörte Gebäude war in der Regel wohnlicher, sicher billiger, immer näher am Ideal der Mischung und der Vermeidung von Distanzen als der Neubau. Die Folge davon ist, daß die Bevölkerung Neubauten, so schön sie auch sein mögen, nicht so empfindet wie der Architekt sie gemeint hat: für den Nutzer sind Neubauten Verdrängungen, aggressive, brutale Okkupierungen von Stellen und Räumen alter Wohnlichkeit. In diesem Klima kann gute Architektur nicht entstehen: Selbst da, wo gute Architekten am Werke sind, wird das Ergebnis ihrer Planung von der Bevölkerung als Brutalität empfunden. Unsere Städte werden auf die Länge nur schön bleiben, wenn sie mit guten (alten wie modernen) Bauten besetzt sind. Gute Architektur kann aber nur gedeihen in einem Klima kultureller Akzeptanz, also dann, wenn sich die Bevölkerung über solche Bauten freut und sie diskutiert.

Lucius Burckhardt in der Schweizer Zeitschrift „Passagen“, Nr. 2

Hinter dem Komma

Die Nachrichtenagentur AP meldet: Die Bundesregierung hat eine „Leistungsbilanz zur Kulturförderung“ vorgelegt, wonach im laufenden Jahr rund 500 Millionen Mark aus dem Bundeshaushalt für Kulturpflege ausgegeben werden. Wie der Parlamentarische Staatssekretär Horst Waffenschmidt (CDU) erklärte, bekräftigt diese „sehr erfolgreiche Arbeit“ die große Bedeutung, die Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Regierung der Kulturförderung beimessen. Dem wäre hinzuzufügen, daß der Bundeshaushalt 1986 etwa 260 Milliarden Mark umfaßt, woraus folgt, daß der Anteil der Kultur 0,192 Prozent beträgt und daß diese Relation ganz gut ausdrückt, wo die Kultur in diesem unserem Lande, von Bonn aus betrachtet, ihren Platz hat: hinter dem Komma.

Zum Geburtstag

Wer liest schon den Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung, fragt sich der (oder die) für den Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung Zuständige – wahrscheinlich doch diejenigen, die sonst keine Bücher lesen, Literaturkonsumenten, die ihren täglichen Happen Text auch handlich aufbereitet haben wollen. Absatz für Absatz. Nun gibt es Autoren mit einer etwas eigenwilligen Vorstellung davon, wie ein Text durch Absätze zu gliedern sei. Wolfgang Koeppen etwa, der in seinem Roman „Tod in Rom“ (1954) partout nicht so viele Absätze machte, wie es sich für einen ordentlichen Fortsetzungsroman nun einmal gehört. Also hat die Süddeutsche Zeitung, die den Roman zu Koeppens achtzigstem Geburtstag abdruckte, noch einige eingefügt. Jetzt war der Text wenigstens übersichtlicher, dafür leider in seiner Struktur beschädigt ... Und da war noch ein Problem, das zu lösen war: Gegen Ende des Romans tut der ewige Nazi Judejahn etwas, was man in Fortsetzungsromanen anscheinend nicht darf. Er geht mit einem Mädchen ins Bett. Das durfte er – die SZ ist ein liberales Blatt – am vergangenen Donnerstag, auf Seite 34 rechts oben, zwar durchaus, doch hatte er sich einigermaßen gesittet zu benehmen – kein Gliederspreizen, kein roher Umgang mit einem schmalen Mädchenkörper, kein Schweiß und Gestank. Rücksichtnahme auf den vermutlich einzigen Abonnenten in Altötting? Auf jeden Fall Eingriffe in den Text, die weder mit dem Autor noch mit dem Verlag abgesprochen waren.

Schraube locker

Falls wir bis dato Furcht vor Atomphysik und Kernkrafttechnik gehabt haben sollten, so müßte uns die kürzlich bei der Nachricht vergangen sein, das Atomkraftwerk Gundremmingen werde von einer lockeren Schraube lahmgelegt, weil nämlich: Was eine Schraube ist, wissen wir schließlich, und wenn da eine irgendwo bei irgendwem locker ist, gibt es probate Mittel, oder?