In Niedersachsen sollen Arbeitslose als Wandergesellen Berufserfahrungen sammeln

Irritierte, oft auch amüsierte Blicke sind ihnen stets gewiß. Mit dem Schlapphut und den Ohrringen, der schwarzen Hose mit Schlag und der perlmuttgeknöpften Weste über dem weißen Hemd wirken wandernde Handwerksgesellen heute wie lebendig gewordene Exponate aus dem Geschichtsmuseum.

Ein Ende der siebenhundert Jahre alten Tradition, nach der Lehre für mindestens zwei Jahre und einen Tag auf die Walz zu gehen, ist auch nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Seitdem auch im Bauhandwerk die Jobs rar geworden sind, haben die fünf deutschen Schächte, wie sich die Vereinigungen der Wandergesellen nennen, Zulauf. Rund 350 bundesdeutsche Handwerksgesellen tippeln wieder.

Mit einem bundesweit einmaligen Modellversuch wollen nun die Kreishandwerkerschaften in Niedersachsen und das Landesarbeitsamt dafür sorgen, daß noch weitaus mehr Gesellen ihr Bündel packen. Das Ziel: Wer nach der Lehre oder der Bundeswehr arbeitslos geworden ist, soll durch die Berufserfahrungen während der Wanderschaft leichter eine neue Stelle finden.

„Über die Arbeitslosigkeit wird zwar viel geredet, aber selten wird auch gehandelt“, sorgte sich der 65jährige Helmut Kudritzki, bis zum Jahresende Kreishandwerkermeister in der niedersächsischen Kleinstadt Uelzen. Er schrieb deshalb im vorigen Jahr an Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht und an Heinrich Franke, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Sein Vorschlag: Wenn noch mehr Gesellen in die Fremde ziehen würden, gäbe es weniger Arbeitslose und mehr Spezialisten. Denn wer beispielsweise als Maurer bei dem einen Betrieb Kachelöfen und bei einem anderen Rundbögen gebaut habe, sei nach der Wanderschaft seinen Berufskollegen bei der Arbeitsplatzsuche überlegen. Kudritzki dachte dabei nicht nur an Tischler und Maurer, für die das Tippeln seit dem Mittelalter Tradition ist. Auch arbeitslose Bäcker und Fleischer sollen künftig – allerdings nicht länger als ein Jahr – herumziehen.

Die Politiker verwiesen den Fleischermeister, der selbst nie auf der Walz war, an das Landesarbeitsamt Niedersachsen/Bremen. Mit dem Fachreferat Fortbildung wurde die Arbeitsgemeinschaft der niedersächsischen Kreishandwerkerschaften, die Kudritzki bereits von seinem Plan überzeugt hatte, schnell einig. Das Interesse des Amtes liegt auf der Hand: Wer auf der Walz ist, taucht nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Und immerhin gab es im vergangenen Jahr allein 131 000 Beschäftigungslose aus den Bauberufen.

Der Modellversuch soll Anfang Dezember beginnen. Die Arbeitsämter in Niedersachsen übernehmen in dem Wanderjahr dreißig Prozent des tariflichen Bruttolohns. „Das ist immer noch wesentlich billiger als die Arbeitslosenunterstützung. Und viele kleine Firmen haben oft Spitzenauslastungen, aber nicht das Geld, jemanden für längere Zeit und ohne Zuschuß .einzustellen“, glaubt Initiator Kudritzki. Die Vermittlung bleibt bei den Arbeitsämtern, interessierte Betriebe werden ihnen von den Kreishandwerkerschaften gemeldet.