Ja, die Künstler. Natürlich verstehen sie mehr als andere von der Liebe: Deswegen erforschen wir mit ihrem Blick Eva auf tausend Bildern, deshalb suchen wir in den Romanen nach einer Spur, die uns entgangen sein könnte. „Ich berausche mich an der Erinnerung eines jener kurzen Augenblicke der Wollust, durch die Du mich so glücklich machst“, schrieb Balzac an die Ehefrau eines andern: „Du siehst, die Liebe eines Dichters birgt immer ein wenig Verrücktheit. Nur wir Künstler verstehen ganz den Wert von Euch Frauen, weil wir selbst ein wenig weiblich sind.“

Ja, die Liebe. Wer könnte, auch wenn er kein Künstler ist, von ihr lassen? Wo kämen wir auch hin? Dabei leben wir doch sonst ohne Illusionen. Wer von uns glaubt noch an Raumfähren oder an Atomkraftwerke? Aber an die Liebe glauben alle. Sie erklärt manche menschliche Irrfahrt – und ist doch selber keinerlei Erklärung mehr bedürftig. Letzte Instanz! Fast jedes Verhalten findet einen milden Richter, beruft es sich auf: Liebe. Ob eine Staatsanwältin für einen Dieb Schecks fälscht, ob ein Manager Job und Heim verläßt, ob eine Mutter mit drei Kindern zu ihrem minderjährigen Liebhaber zieht: Ein Wort nur – und wer wollte nicht Verständnis zeigen?

Liebe. Das ist auch die Erklärung der Ehefrau des fast siebzigjährigen Malers Andrew Wyeth, der in Amerika beispiellose Verehrung genießt, für das Zustandekommen jener vierzig Gemälde und zweihundert Zeichnungen, die über Nacht, auftauchten. Da hat der Mann sein Geheimarchiv geöffnet, das nicht einmal die eigene Frau gekannt haben will – und Amerika steht kopf, als sei ein Aktbild der Mona Lisa entdeckt worden. Die Frau auf den Bildern aber heißt Helga, und in einem Zeitraum von fünzehn Jahren hat sie Wyeth immer wieder Modell gestanden, gesessen, gelegen. Nun dürfen wir es alle sehen. In Serie. Und das Konvolut sei, so heißt es, für zehn Millionen Dollar an einen Privatsammler verkauft worden.

Eine rührende Geschichte, ganz nach unserem Herzen. Eine neue „Unsterbliche Geliebte“? Doch leider! Wir leben nicht mehr in der Zeit Beethovens. Heute geht man den Dingen mit Blitzlicht und Mikrophon auf den Grund. Kurz: man weiß jetzt genau, wer Helga ist. Und man hat herausgefunden, daß die Ehefrau von den Bildern sehr wohl etwas gewußt haben muß. Ein geschickt eingefädelter, einträglicher Coup, so scheint es nun.

Warum sind wir enttäuscht? Steht uns der Sinn noch immer nach ein wenig Bohème? Vielleicht wollen wir uns nicht ausreden lassen, daß Kunst etwas mit dem Leben (des Künstlers) zu tun hat. Deshalb suchen wir in der Kunst beharrlich nach Spuren desselben.

Bei der Literatur ist das schwieriger als auf einem Gemälde. In „Montauk“ gibt Max Frisch das Bild einer amerikanischen Geliebten. Er hat ihren Namen fingiert, den der – damaligen – Ehefrau hingegen nicht, die gleichwohl mit dem mittlerweile berühmten Satz zitiert wird: „Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material. Ich verbiete es, daß du über mich schreibst.“ Doch läßt sich das verbieten? Was wäre der Künstler ohne den Schatz seiner Erfahrung? Von Thomas Mann weiß man, daß er nach seiner Heirat mit Katia nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich seine Liebesbriefe wieder aushändigen zu lassen – die er später für einen Roman verwendete. Und einer der Ehemänner der Amerikanerin Erica Jong (die die „Angst vorm Fliegen“ überwunden hat) versuchte anläßlich der Scheidung, sich vertraglich zusichern zu lassen, daß seine Ex-Frau nichts über ihn und die Ehe zu Papier bringen werde.

Über die Schriftstellerin George Sand schrieb einst Franz Liszt: „George fängt ihren Schmetterling, zähmt ihn... Wenn er sich zu wehren beginnt, durchbohrt sie ihn mit einer Nadel. Das ist die Verabschiedung... Dann seziert sie ihn, konserviert ihn und tut ihn in ihre Sammlung von Romanhelden.“ Die Kunstwerke entstehen schließlich nicht, um die Liebste oder den Geliebten zu erobern und zu betören. Ganz und gar nicht. Umgekehrt: die Eroberung findet der Kunst zuliebe statt. Wie sonst sollte der Lyriker zu seinen Versen, der Maler zu seinen Bildern kommen. Tut mancher am Ende gar nur so als ob? Vor sich selbst und dem Modell? Ach, die Künstler. Vielleicht überschätzt man sie. Volker Hage