Die politische Reform in Peking bleibt hinter der wirtschaftlichen Modernisierung zurück

Von Andreas Kohlschütter

Li Bao Quan hat nie von Adam Smith gehört, doch von der Logik des Laissez-faire-Kapitalismus ist der 39jährige Erste Parteisekretär von Suang Feng, einer staubigen Kleinstadt bei Kunming in der abgelegenen Grenzprovinz Yünnan, überzeugt: Die Mehrung des allgemeinen Wohlstandes hängt ganz entscheidend von der Befriedigung privaten Gewinnstrebens ab. Egalitarismus und maoistisches „Aus-demselben-großen-Topf-Essen“ sind von Übel. „Das Ziel des Sozialismus muß es sein, alle Menschen reich zu machen“, sagt Li Bao Quan, „das gelingt aber nur, wenn einige es schneller schaffen als andere.“

Einer von denen, die es im reformkommunistischen China schon geschafft haben, ist der Baum- und Blumenzüchter Xie Shung in Sichuan. Seit 1984 lebt er in einer zweistöckigen Landvilla mit 240 Quadratmetern Wohnfläche und der Losung an der Wohnzimmerwand: „Schweiß und Wissen machen reich.“ In dem 30-Familiendorf Shun Iiang können sich nur zwei weitere Haushalte solchen Luxus leisten. Für die übrigen bleibt es bis auf weiteres bei der Lehm- und Strohdach-Kate, bei 30 Quadratmetern für Unterkunft und einem Geldeinkommen von rund 100 Dollar pro Jahr. Xie Shung dagegen wirtschaftet aus seinem vom Staat günstig gepachteten Land einen durchschnittlichen Jahresgewinn von 6500 Dollar heraus. Dem sanften Druck lokaler Staats- und Parteiorgane nachgebend, spendet er Blumen für öffentliche Parkanlagen, Geld für die Sichuan-Oper und verschiedene Schulen, Kapital für Dorfindustriebetriebe. Aber es bleibt ihm genug für Farbfernseher, Kühlschrank, Motorrad, moderne Möbel, Bankkonto: „Ich habe Geld, ich kann mir kaufen, was ich brauche.“

Xie Shung spricht den Wunsch nach einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung an, der wohl das auslösende Moment des gesamten Modernisierungs- und Reformprozesses war: „1949 und in den folgenden Jahren war Mao der Größte. Wer jedoch China heute führen will, muß der Bevölkerung materiellen Fortschritt und bessere Versorgung bieten.“ Er räsoniert: „Je reicher ich werde, desto höher mein Lebensstandard, desto mehr Geld gebe ich aus und helfe so auch meinen Nachbarn, reich zu werden. Ich bin ihnen ja nur einen Schritt voraus.“ Und Xie Shung frohlockt: „Lange suchten wir nach dem richtigen Weg für den Aufbau des Sozialismus. Jetzt gehen wir ihn.“

Es ist beeindruckend, wie schnell und skrupellos sich in China die dogmatischen Fesseln der Mao-Ära lösten, wie rasch vom gleichmacherischen Kommunismus der Armut auf einen durch individuelle Leistungsanreize angetriebenen Wohlstands-, Wachstums- und Effizienzsozialismus umgeschaltet wurde. Es sieht so aus, als sei das Riesenreich nach langer kommunistischer Entfremdung heute in der Tat unterwegs – zurück zu sich selbst.

Natürlich wird auch geklagt: über steigende Preise, Korruption, Pop und Porno und Verwestlichung, über den Generationenkonflikt und die wachsende Emanzipation der Kinder von den Eltern. Doch das Grundmuster behagt. Diese Reformen machen Sinn und öffnen Perspektiven. Sie kommen dem Fortschritts- und Profitstreben der Menschen entgegen. Sie entsprechen dem chinesischen Geschäfts- und Ordnungssinn, auch der Sehnsucht nach Stabilität und konfuzianischer Kontinuität. Die Reformpolitik wertet die Clan- und Familienkollektive wieder auf, denen durch die Reprivatisierung nicht nur in der Landwirtschaft und der Agrarindustrie, sondern auch im Handel, Zwischenhandel, Dienstleistungsbereich und in der städtischen Kleinindustrie erneut eine wichtige Rolle zukommt. Der Augenschein zeigt ein Land, das mit seiner allgemeinen Marschrichtung wohl schon lange nicht so zufrieden war.