Von Wilfried F. Schoeller

Das Jubiläum hat Brief und Siegel. Am 1. September 1886 teilte der 26 Jahre alte Samuel Fischer dem Publikum „ergebenst“ mit, „daß er eine neue Verlagsbuchhandlung errichtet“ habe: „Ich erbitte mir freundliches Interesse auch für meine ferneren Unternehmungen, über die ich mir nähere Mitteilungen vorbehalte.“ Er hatte die gemeinsame Firma mit dem Berliner Buchhändler Steinitz aufgegeben und sich selbständig gemacht. Als Peter de Mendelssohn 1970 seine (1500 Seiten umfassende) monographische Ausschweifung über Fischer und seinen Verlag veröffentlichte, kündigte er im Untertitel „Ein Stück deutscher Literaturgeschichte“ an. Völlig zu Recht: keine andere Firma des „herstellenden Buchhandels“ ist mit der neueren Historie der Literatur enger verknüpft. Wann immer ein Jubiläum zu begehen war, hat dies die Versammlung von Autorennamen triumphal bestätigt. Thomas Mann sprach 1934 nach dem Tod des Verlegers vom „Cotta des Naturalismus“.

Am Beginn stand die Einbürgerung ausländischer Autoren: Tolstoi, Ibsen, Dostojewski, Zola. Die Namen übertönen manchen frühen Mißerfolg. Zolas Wirkung setzte erst ein, nachdem Fischer dessen „Naturalistische Dramen“ verramscht hatte. Lästige Konkurrenz bei Ibsen schaltete der Verleger aus, indem er gleichzeitig mit der norwegischen Originalausgabe eine deutsche Übersetzung erscheinen ließ und somit den noch mangelhaften Schutz des einheimischen Urheberrechts in Anspruch nehmen konnte. Christian Morgenstern mußte, von Fischer beauftragt, Norwegisch lernen, um Ibsen übertragen zu können. Es ging nicht ohne Bizarrerie ab: Fischer firmierte als „Kgl. schwedischer Hofbuchhändler“.

Anfang der neunziger Jahre kamen deutschsprachige Schriftsteller hinzu: unter anderen Hermann Bahr, Max Halbe, Otto Erich Hartleben. Nachdem Gerhart Hauptmanns soziales Drama „Vor Sonnenaufgang“ 1889 uraufgeführt worden war und einen beispiellosen Skandal erregt hatte, schloß Fischer mit ihm einen Vertrag. Der Fischzug wäre beinahe mißglückt. Hauptmann war vielleicht zu dringlich umworben worden, so daß er unverblümt „die Möglichkeit freier Entschlüsse“ sich „jederzeit“ offenhielt. Das Verhältnis hat immense Honorarforderungen Hauptmanns und sogar die problematische Nähe Thomas Manns ausgehalten. „Kurz: einem Holländer, einem Säufer, einem Giftmischer, einem Selbstmörder, einer intellektuellen Ruine, von einem Luderleben zerstört, behaftet mit Goldsäcken und Quartanfieber, zieht Thomas Mann meine Kleider an“, beklagte sich Hauptmann in einem Briefentwurf an Fischer, als er sich im Mynheer Peeperkorn des „Zauberberg“ porträtiert fand. Beschwichtigungen von entschieden feierlicher Komik haben den Ärger verblassen lassen.

Mit Hilfe Hermann Bahrs fand Fischer Anschluß an die Wiener Moderne, die gewiß nicht im Banne des Naturalismus stand: Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Richard Beer-Hofmann zum Beispiel. Allem vorausgegangen war die Unabhängigkeitserklärung des jungen Mannes aus ungarisch-jüdischer Familie. Er habe vor der Aufgabe gestanden, „einen besonderen Markt (zu) schaffen, einen Markt für geistige Werte, der kulturbildende Kraft hat“, schrieb Fischer später.

Im Jahre 1898 kam, nach einem ermunternden Stakkato des Verlegers, daß ihm „die Sachen“ sehr gut gefallen hätten, Thomas Manns Novellenbändchen „Der kleine Herr Friedemann“ heraus. Die Einschränkung, daß er dafür nur ein geringes Honorar zahlen könne, verschönte Fischer mit der Aufforderung, „ein größeres Werk“ sei erwünscht, vielleicht ein Roman, „wenn er nicht zu lang ist“. Das Ergebnis ist bekannt: das Manuskript der „Buddenbrooks“ war über die Maßen lang. Fischer forderte erhebliche Kürzungen, Thomas Mann setzte sich durch und erhielt 1928 den Nobelpreis. Wegen des Umfangs wurde die Erstausgabe von der Kritik mit „einem im Sande mahlenden Lastwagen“ verglichen.

Die „Neue Rundschau“, die sich aus der „Freien Bühne für modernes Leben“ entwickelte, bot eine fortlaufende „Annonce“ der verlegerischen Taten. Robert Musil, zeitweilig ihr Redakteur wie Alfred Döblin, Albert Ehrenstein und Oskar Loerke, hat absonderlicherweise einmal Kafka lektoriert. Er nahm die Erzählung „Die Verwandlung“ zum Druck an, forderte dann jedoch eine Kürzung um ein Drittel und biß bei seinem Autor auf Granit: „Das ist unwürdig gehandelt. Um die Wahrheit zu sagen, verehrter Herr Doktor, denn ich weiß daß Sie mir vollständig recht geben: wenn man gleich anfangs vor der Annahme diese Forderung an mich gestellt hätte, so wäre dadurch nur die gegenwärtige Peinlichkeit, die Ihnen und mir jetzt bereitet wird vermieden worden. Gekürzt hätte ich aber die Geschichte auch damals nicht ebensowenig wie ich sie heute kürzen würde.“ Der Abdruck unterblieb.